Rezension: "Herbstattacke"

Titel: Herbstattacke
AutorIn: Nataly Savina
Verlag: Chicken House
Seitenzahl: 135
Preis: 9,95€
ISBN-10: 3551520437
ISBN-13: 978-3551520432
Kaufen bei:
Worum geht's?
Nach der Trennung seiner Eltern zieht Leo zusammen mit seiner niedergeschlagenen Mutter in eine neue Stadt. Dort ist alles neu für ihn - das Leben, die Schule, die Leute. Und kaum ist er dort angekommen, hat er den Ärger schon angezogen: Bereits am ersten Tag in der neuen Schule verguckt sich Leo in Farsaneh, die Schwester des Schlägers Malik, der Leo mit seiner Gang fortan das Leben zur Hölle machen will. Trotz aller Schläge und Tritte geht ihm Farsaneh nicht mehr aus dem Kopf und er fasst einen schwerwiegenden Entschluss: Er will sich den Respekt der Gang verdienen, um dem iranischen Mädchen näher sein zu können, und gerät damit immer mehr auf die schiefe Bahn...

Kaufgrund:
Auf "Herbstattacke" wurde ich durch Chicken House selbst aufmerksam. Normalerweise lese ich eher selten Bücher aus diesem Genre, doch ich war gespannt auf das Debüt der Autorin Nataly Savina.

Meine Meinung:
"Herbstattacke" beginnt mit einem Blick in die Zukunft: Das erste Kapitel zeigt, wo Leo im Laufe der Geschichte landen wird. Daraufhin folgt ein Sprung zurück zum Anfang des Geschehens und Autorin Nataly Savina erzählt Kapitel für Kapitel, wie es zu dem Unausweichlichen kommt. Chronologisch verläuft die Geschichte allerdings nicht, denn Savina schiebt zwischendurch einige kurze Kapitel ein, um Farsaneh etwas aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Auf diese Weise erhält man nicht nur einen Einblick in die zwei Charaktere, sondern auch in ihr Leben und ihre Kultur.

Leo, den Protagonisten der Geschichte, lernt man als einen verträumten jungen Mann kennen. Seine Gedanken schweifen oft ab und sind immer dort, wo sie nicht sein sollten: Bei Farsaneh, dem iranischen Mädchen, das ihn von Anfang an mit ihrem Aussehen, ihrem Auftreten, ihrer gesamten Erscheinung fasziniert. Um ihr näher zu kommen, nimmt er alles in Kauf. Sogar die Schläge und Tritte der Gang ihres Bruders, die den neuen Leo unbedingt brechen wollen. Aber Leo ist einer starker Typ, der die Dinge über sich ergehen lässt ohne sich zu wehren. Auf diese Weise verdient er sich mehr und mehr den Respekt der Gang, bis er sich schließlich in ihren Reihen wiederfindet. Obwohl im bewusst ist, dass die Gang nur Ärger fabriziert, lässt er sich von ihnen mehr und mehr auf den falschen Weg leiten.

Kulturelle Unterschiede spielen in Savinas Debüt eine große Rolle. Farsaneh, ihre Brüder Malik und Babak und ihr Vater sind streng religiöse Iraner. Während Farsaneh sich gegen die strikten Regeln zu wehren versucht, nehmen die Männer in ihrer Familie sie sehr ernst. Dass das iranische Mädchen so kein leichtes Leben hat und mit aller Macht dagegen zu rebellieren versucht, ist mehr als verständlich, doch die Konsequenzen ihrer Taten werden in "Herbstattacke" leider kaum behandelt. Savina schneidet diverse Themen bloß an, ohne sie weiter auszuführen, obwohl man gerne mehr darüber gelesen hätte.

Der Ausgang der Geschichte ist zwar nicht unvorhersehbar, aber die Art, wie Nataly Savina ihn erzählt, ist es sehr wohl! Sie zeigt realitätsnah, was in jemandem vorgeht, der alle seine Sorgen stets in sich hineingefressen hat, der es allen, nur nicht sich selbst, recht machen wollte und den alle erst dann fragen, wie es ihm geht, wenn es schon längst zu spät ist.

Der Schreibstil der Autorin hat fraglos einen "eigenen Sound", wie es auf dem Klappentext versprochen hat. Sie schreibt kurze und knappe Sätze, die prägnant auf den Punkt bringen, was sie aussagen sollen. Metaphern, bildhafte Vergleiche oder andere rhetorische Mittel nutzt Nataly Savina kaum - und das braucht sie auch nicht. Denn ihre Sprache ist so aussagekräftig, eindringlich und deutlich, dass ihre Worte auch ohne sprachlichen Schnickschnack beeindrucken können.

Auch die Art, wie sie ihre Charaktere sprechen lässt, imponiert. Die Jungs in Maliks Gang nutzen oft Kraftausdrücke und drücken sich in wortkargen Sätzen aus, wenn sie denn überhaupt Worte statt ihren Fäusten gebrauchen, um sich zu verständigen. Der "Ghetto-Slang", wie ihn Savina diesen Figuren in den Mund legt, ist realistisch und authentisch. Oftmals gelingt es Autoren nicht, die Umgangssprache der Jugendlichen "echt" wiederzugeben, doch bei Nataly Savina hinterlässt sie weder einen gedrungenen noch einen aufgesetzten Eindruck.

Besonders berührt hat mich jedoch, wie Nataly Savina es geschafft hat, den Gefühlszustand von Leos Mutter Rosa durch ihre Worte auszudrücken. Sie hinterlässt bereits zu Beginn einen labilen Eindruck und versprüht keine Mütterlichkeit, keine geborgene Atmosphäre, wie es bei einer Mutter sein sollte. Schnell stellt sich heraus, wieso sie so unsicher spricht, ständig nach Anerkennung sucht und so häufig rhetorische Fragen stellt, die Leo nur mit Zustimmung beantworten kann: Die Scheidung von ihrem Mann, Leos Vater, hat ihr zu stark zugesetzt und ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie ist zu einer gebrochenen, unbeständigen Frau geworden, die trotz allem versucht, nur das Beste für Leo zu tun.

Cover:
Schlicht und doch aussagekräftig. Auf dem Cover ist eine Tür zusehen, samt Briefkastenschlitz, der ein wichtiges Symbol in Savinas Geschichte darstellt. Mir gefällt es nach dem Lesen sehr gut, aber als ich das Cover das erste Mal sah, war ich noch nicht überzeugt. Zu Unrecht, wie ich bemerken konnte.

Fazit:
Nataly Savinas Debüt "Herbstattacke" ist ein erschreckendes, rabiates, aber ehrliches Buch über Unterschiede zwischen den Kulturen, Gewalt und Macht. Anhand von Leo zeigt sie, wie schnell aus einem braven jungen Mann ein gewalttätiger Teenager werden kann, der angezündete Knaller durch fremde Briefschlitze schiebt - und warum er dies tut. "Herbstattacke" erschüttert und berührt, geht definitiv unter die Haut. Deshalb vergebe ich insgesamt gute 4 Lurche.


Über die Autorin:
Nataly Elisabeth Savina, 1978 in Riga geboren, zog im Alter von zehn Jahren mit ihrer Mutter nach Helsinki, später nach Freiburg im Breisgau. Nach dem Studium der Angewandten Kulturwissenschaften in Hildesheim ging sie an die Film- und Fernsehakademie Berlin. Dort arbeitet sie als Drehbuchautorin, Dramaturgin und Lektorin. Mit ihrem Partner und ihren beiden Söhnen lebt sie im früheren Ostberlin.

Kommentare:

  1. Ich habe das Buch am Wochenende auch gelesen, war aber leider nur mäßig begeistert. Der Schreibstil hat mich total genervt, kam mir viel zu abgehackt und gefühllos rüber. Und inhaltlich wird wie du sagst alles irgendwie nur angeschnitten, das hat mir nicht ausgereicht, ich hätte lieber weniger Themen gehabt und die dafür intensiver erforscht :/

    AntwortenLöschen
  2. @Miss Bookiverse: Eben deshalb hat mir der Schreibstil ja so gut gefallen. Anders hätte es eben nicht so gut zur Thematik gepasst, finde ich. Und dass es so gefühllos wirkt, passt ja auch zu Leo. :)
    Bei den Themen muss ich dir allerdings recht geben. Ich hätte es auch lieber so gehabt.

    AntwortenLöschen
  3. Ich fand den Schreibstil zur Story und dem Charakter auch nicht unpassend, aber zum Lesen fand ich es super anstrengend und ziemlich langweilig.

    AntwortenLöschen
  4. Gut, ja, anstrengend fand ich es am Anfang auch, aber dann hat es mir doch sehr gut gefallen, weil es eben so gut zur Geschichte gepasst hat. Es war halt mal was anderes :)

    AntwortenLöschen
  5. Danke für die tolle Rezi.
    Ich bin ja bei Büchern mit solchen Themen immer etwas Kritisch, aber das Buch scheint ihre Botschaft ja gut rüberzubringen.
    Bin mir nur nicht sicher ob es nicht zu sehr ein reines Jugendbuch ist.

    AntwortenLöschen

legal notice. based on design by Charming Templates.