Rezension: "Kalte Berechnung"

Titel: Kalte Berechnung
AutorIn: Stefanie Maucher
Verlag: dotbooks
Seitenzahl: 56
Preis: 2,99€
ISBN: eBook 978-3-943835-15-1
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Worum geht's?
Er hat sie missbraucht. Sie gezwungen, sich zu entblößen. Sie genötigt, ihn zu beobachten. Sie bedrängt, den Mund zu halten und es zu ertragen. Sie, das unschuldige Mädchen, das gerade einmal vierzehn Jahre alt ist. Doch er hat nicht mit ihrer Mutter gerechnet. Der Löwin, die sich selbst auf sein Spiel einlässt, um es zu ihrem eigenen zu machen. Um die Regeln neu zu schreiben, die Rollen neu zu verteilen. Um den Jäger zur Beute zu machen. Er weiß nicht, worauf er sich einlässt, als er sie zu einem Treffen auffordert. Aber weiß sie es selbst?

Kaufgrund:
Auf "Kalte Berechnung" wurde ich durch die "dotbooks"-Aktion bei "Blogg dein Buch" aufmerksam. Unter all den Büchern hat mich Stefanie Mauchers Buch direkt angesprochen. Es war das Thema, das mich augenblicklich neugierig machte.

Meine Meinung:
Neugierde. "Kalte Berechnung" hat die volle Aufmerksamkeit des Lesers bereits, bevor der Leser überhaupt den Reader in die Hand genommen hat. Grund dafür ist das schwierige Thema der Geschichte. Es gibt wohl niemanden, an dem Kinderschändung eiskalt vorbeigeht. "Der gehört doch kastriert!" oder auch "Dem würde ich sein bestes Stück abschneiden!" sind die typischen Sätze, die man als Reaktion darauf hört, die wohl (fast?) jeder von uns selbst denkt. Aber würden wir es wirklich tun, wenn wir die Möglichkeit dazu bekämen? Stell Dir vor, jemand würde es Deinem eigenen Kind antun... Ist die Antwort darauf nicht selbstverständlich?

Anspannung. Bereits nach der ersten Seite hat einen die Geschichte in ihren Bann gezogen. Die Protagonistin erzählt aus der Ich-Perspektive, wie sie sich auf den Weg zu einem Treffen mit einem Fremden macht. Sie haben sich über das Internet kennengelernt. Er war stets so aufmerksam, so zuvorkommend. Es war ein leichtes Spiel für ihn, ihr Herz und Verstand zu rauben. Ihr kindlicher Leichtsinn hat sie nicht erkennen lassen, in was für eine Gefahr sie sich begibt. Als Leser traut man sich kaum, weiterzulesen. Man möchte nicht mit ansehen, wie das Kind in sein Verderben rennt. Man möchte schreien, das Mädchen packen und zur Besinnung rütteln! "Stop! Dreh um, dreh doch um!", kreischen die eigenen Gedanken. Obwohl man genau weiß, dass die Protagonistin diese Schreie nicht hören kann, sich mit ihrem eigenen Albtraum treffen und etwas Fürchterliches passieren wird, kann man nicht mit dem Lesen aufhören. Ist es der dringende Wunsch nach einem Happy End? Die krankhafte Neugierde? Oder doch ein Hauch von Schaulust? Was es auch sein mag: "Kalte Berechnung" hat seine Leser nach kürzester Zeit mitsamt seinen Gefühlen völlig im Griff!

Nervenkitzel. Schnell klärt sich auf, dass hinter der Protagonistin kein naives Mädchen steckt, sondern eine starke Frau, die sich der anstehenden Gefahr sehr wohl bewusst ist. Sie ist die Mutter des missbrauchten Kindes und hat nur noch eines Sinn: Rache. Sie will Vergeltung für all das, was der Mistkerl ihrer Tochter angetan hat. Die Polizei hat wie so oft nicht helfen können und so hat die verzweifelte Mutter beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mit einem Messer bewaffnet gibt sie sich als ihr eigenes Kind aus, um sich mit dem ahnungslosen Kinderschänder zu treffen und ihm das zu geben, was er verdient. Plötzlich möchte man sie nicht mehr von der Begegnung abbringen, im Gegenteil: Nun, da man die Beweggründe der Protagonistin kennt, fiebert man ihr sogar entgegen.

Abscheu. Je näher das gefährliche Treffen rückt, desto stärker wächst der Hass im eigenen Herzen. Während die Protagonistin sich innerlich auf die Begegnung mit dem Mann vorbereitet, geht sie immer und immer wieder durch, wie es zu der gegenwärtigen Situation gekommen ist. In Gedanken spricht sie den Mann an, der in der heutigen Nacht ihrer Tochter die Unschuld rauben will, macht ihm Vorwürfe und verlangt Antworten. Sie will wissen, was in seinem kranken Hirn abläuft. Auf diese Weise erfährt man als Leser, was der Mann dem vierzehnjährigen Mädchen bereits angetan hat, wie er dabei vorgegangen ist und was er anscheinend noch mit ihr vorhatte. Man spürt den Hass der kämpfenden Mutter so stark, dass er auf einen selbst abfärbt. Mit jedem Missbrauch, an den sie sich erinnert, wird einem seltsamer zumute. Man wird in ein Loch der dunkelsten Emotionen gerissen, die man so intensiv erlebt, dass einem beinahe schlecht wird.

Herzklopfen. Die Geschichte entwickelt sich sehr rasant und wird mit jeder Seite spannender. Die Erzählung spricht vor allem die Gefühle ihrer Leser an und reißt sie emotional vollkommen mit, aber die Handlung an sich wird trotz der vielen Gedankengänge niemals vernachlässigt. Die Autorin hat die richtige Balance zwischen dem Gegenwärtigen und den Gedanken gefunden. Als sich die Ereignisse zuspitzen, kann Stefanie Maucher mit der ein oder anderen Überraschung das ohnehin viel zu schnell pochende Herzen ihrer Leser zum Stolpern bringen. Ein bekanntes Sprichwort sagt: "Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!". Wird die Protagonistin ihre Rache bekommen? Oder kommt alles doch ganz anders, als man denkt?

Erkenntnis. "Kalte Berechnung" hat mich nicht nur vor den Grausamkeiten eines Kinderschänders erschauern lassen, sondern vor allem vor mir selbst. Ich habe mich dabei ertappt, Gedanken zu denken und Gefühle zu fühlen, die normalerweise überhaupt nicht zu mir passen. Ich habe mich in "Kalte Berechnung" tatsächlich "in Rage" gelesen. Die Geschichte hat mich völlig eingenommen und ich habe mich mit jedem gelesenen Satz tiefer in sie fallen lassen, bis ich mich beinahe als unsichtbare Begleiterin der Protagonistin gefühlt habe. Ihre Gefühle wurden mehr und mehr zu meinen eigenen und haben die dunkelsten Seiten meines Ichs geweckt. Stefanie Maucher ist eine Puppenspielerin, die es mit ihren Worten geschafft hat, mich wie eine Marionette durch ihre Geschichte zu führen. Sie ist eine unglaublich talentierte Autorin, die geschickt mit ihren Lesern spielt; sie lässt sie fühlen und denken, was sie will. Obwohl "Kalte Berechnung" eine recht kurze Geschichte ist, hallt sie in den Köpfen ihrer Leser stärker nach als so manch anderer Schmöker. Maucher bietet in "Kalte Berechnung" ein intensives Leseerlebnis, das eiskalt unter die Haut geht.

Cover:
Schlicht und einfach bringt das Cover auf den Punkt, worum es in der Geschichte geht: Rache. Mir persönlich ist es für die gewaltige Wirkung, die das Buch auf einen hat, allerdings noch zu bescheiden und viel zu unscheinbar!

Fazit:
"Kalte Berechnung" ist eine Geschichte, die schockiert. Meine Gedanken zu diesem Buch in Worte zu fassen, die ihm tatsächlich gerecht werden, ist beinahe unmöglich. Es ist ein Buch, das man selbst lesen muss, um nachvollziehen zu können, was für eine intensive Wirkung es auf einen hat. Es ist eine erschreckende Erzählung, die sprachlos macht, einen unruhig zurücklässt und noch lange nachhallt. Für "Kalte Berechnung" gibt es ganz klare 5 Lurche.


♥ Vielen Dank an dotbooks und Blogg dein Buch für dieses Rezensionsexemplar! ♥

Über die Autorin:
Stefanie Maucher wurde 1976 in Stuttgart geboren und lebt, nach einem mehrjährigen Ausflug nach Graz in Österreich, mit einem Mann und zwei Kindern im Baden Württembergischen Schorndorf. Als situationsangepasste Lebenskünstlerin sammelte sie Erfahrungen in verschiedenen Berufszweigen und widmet sich nun ihrem heimlichen Kindheitstraum, dem Schreiben spannender Geschichten. Sie veröffentlichte bereits den Roman "Franklin Gothic Medium".

1 Kommentar:

  1. Tolle Rezi. Schade, das solche Themen oft totgeschwiegen werden :/

    LG, Sandrina

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