Rezension: "Winterkind"

Titel: Winterkind
AutorIn: Lilach Mer
Verlag: Dryas Verlag
Seitenzahl: 279
Preis: 12,95€
ISBN-10: 3940855367
ISBN-13: 978-3940855367
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Worum geht's?
Blanka von Rapp sollte glücklich sein. Sie ist jung, wunderschön und mit einem reichen Gutsherren verheiratet. Zusammen mit ihrer gesunden Tochter, Johanna, leben sie in einem großen Anwesen. Bloß der Schnee, der vor den Toren liegt, drückt schwer auf Blankas Gemüt. Er ist es auch, der es der jungen Adligen unmöglich macht, zu der Beerdigung ihrer eigenen Mutter zu fahren...
Als ihr Mann und ihre Tochter von dem Begräbnis zurückkehren, bringen sie Blanka ihr Erbe: einen alten, wunderschönen Spiegel - und mit dem Spiegel, der Blankas Kindheit prägte, tritt auch das Pech in ihr Leben. Plötzlich wird Johanna schwer krank, die Geschäfte ihres Mannes laufen schlecht und er muss für einige Tage fort in die Stadt. Er lässt Blanka allein zurück, die sich nun nicht nur den Arbeitern stellen muss, die auf ihren längst überfälligen Lohn warten, sondern vor allem ihrer eigenen Vergangenheit...

Kaufgrund:
Lilach Mer gehört zu meinen Lieblingsautorinnen. Dass "Winterkind" einen Platz in meinem Regal findet, war deshalb selbstverständlich!

Meine Meinung:
In "Winterkind", dem neuen Roman von Lilach Mer, geht es um Blanka von Rapp, eine junge Adlige, die einen reichen Betreiber einer Glashütte geheiratet hat. Sie hat Haare so schwarz wie Ebenholz, eine Haut so weiß wie Schnee... Ja, ihr lest richtig, Blankas Figur ist tatsächlich an Schneewittchen angelehnt. Denn Lilach Mers "Winterkind" ist eine Art moderne Weitererzählung des alten grimmschen Märchens. Das schöne Mädchen hat ihren Prinzen geheiratet und selbst schon eine Tochter bekommen. Auch andere bekannte Symbole des Märchens, wie etwa den Spiegel, hat Mer in ihre Geschichte übernommen. Sie setzt das Märchen in die Zeit eine Umbruchs, in das Jahr 1880, in der die Charaktere sich auch mit dem gesellschaftlichen Wandel und dem Fortschritt der Technik auseinandersetzen müssen.

Die einzelnen Kapitel des Romans sind in jeweils zwei Abschnitte unterteilt. Während der erste Teil in der Gegenwart der Charaktere spielt, erzählt der andere von Blankas Vergangenheit und der Geschichte des seltsamen Spiegels, der das Leben der jungen Gutsherrin so maßgeblich beeinflusst. Kapitel für Kapitel erfährt man als Leser auf diese Weise immer ein wenig mehr von der komplizierten Geschichte der jungen Gutsherrin. "Winterkind" liest sich wie ein Puzzle, dessen Gesamtbild man erst dann erkennt, wenn man alle Teile zusammengesetzt hat.

In diesem Roman gibt es keine "feste" Hauptfigur. In "Winterkind" geht es zwar in erster Linie um Blanka von Rapp, ihre Geschichte und ihre Familie, aber sie ist nicht der einzige Charakter, der eine größere Rolle spielt und der die Geschichte voranträgt, sie gar bestimmt. Der allwissende Erzähler fixiert sich nicht bloß auf Blanka, er gibt auch anderen Figuren die Möglichkeit, aus dem Schatten in den Vordergrund zu treten. Auf diese Weise bekommt man als Leser nicht nur einen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle, die Figuren zeigen ihm auch einen völlig neuen Blickwinkel auf die Geschichte auf. Bei Blankas Tochter Johanna und der Gouvernanten Sophie sind diese Einsichten besonders wertvoll, denn sie zeigen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der verschiedenen Charaktere ist. Obwohl sie alle drei dieselben Geschehnisse erleben, nehmen sie sie doch völlig anders wahr. "Winterkind" ist kein Roman, den man nur von einer Seite aus betrachten kann, und eben das macht ihn so interessant.

Was ich an Lilach Mer so sehr liebe und was mich dazu zwingt, ihre Bücher zu verschlingen, ist ihr außergewöhnlicher Schreibstil. Sie ist nicht bloß eine talentierte Schriftstellerin, sie ist eine Künstlerin der Worte, die fiktive Welten und Personen so lebhaft in die Köpfe der Leser zaubert, dass man sie beinahe greifen kann. In jedem einzelnen Satz schwingt ein magischer Ton mit, der für eine poetische und märchenhafte Atmosphäre sorgt und zugleich eine Faszination ausstrahlt, der man sich nicht entziehen kann. "Winterkind" ist melancholisch, düster und auf eine besondere Weise wunderschön.

Zusätzlich zum Schreibstil der Autorin möchte ich auch die Ausdrucksweise der einzelnen Figuren loben! Lilach Mer ist es gelungen, die Charaktere realistisch und zeitgemäß klingen zu lassen, sodass man sich durchaus vorstellen kann, sie wären dem Jahre 1880 entsprungen. Die Autorin hat nicht nur darauf geachtet, den Personen eine Sprache aus dem 19. Jahrhundert zu verleihen, sondern auch großen Wert darauf gelegt, ihre gesellschaftlichen Stände in ihren Worten widerzuspiegeln. Blanka oder Sophie zum Beispiel drücken sich stets gewählt aus und achten genau darauf, was sie sagen, während das ungebildete Dienstmädchen Lieschen umgangssprachlich spricht und beim Reden sogar Silben verschluckt. Die authentische Wortwahl der Figuren ist wirklich bemerkenswert, hat aber auch ihre negativen Seiten. So sagen die Charaktere an zwei Stellen Dinge, die einem während des Lesens übel aufstoßen, die für die damalige Zeit allerdings mehr als typisch waren.

Fantasy spielt in "Winterkind" keine Rolle, auch wenn es an einigen Stellen des Romans so wirkt. Für alles gibt es eine natürliche Erklärung, wie die Autorin in Nachwort und Anmerkung erläutert. Blanka von Rapps dunkle Geschichte hätte sich also - rein theoretisch - tatsächlich im wahren Leben so abspielen können. Ein Fakt mit einem merkwürdigen Beigeschmack, der "Winterkind" auch nach der letzten Seite noch lange im Gedächtnis des Lesers nachhallen lässt.

Cover:
Schlicht und elegant, anmutig und zauberhaft. Mich hat das Cover von Anfang an überzeugt. Dabei hätte ich allerdings nicht erwartet, dass es mich noch in einem weiteren Punkt begeistern würde: Es könnte kaum besser zur Geschichte passen! Ein ganz großes Lob an die Grafiker!

Fazit:
"Winterkind" ist ein zauberhaftes modernes Märchen, das ein wenig von Schneewittchens Apfel genascht hat. Es fasziniert und begeistert vor allem durch die melancholische Atmosphäre und den poetischen Schreibstil. Ich kann bloß wiederholen, was ich bereits zum ersten Roman der Ausnahme-Autorin geschrieben habe: Vielen Dank für dieses Meisterwerk, Frau Mer! Ich will definitiv ME(H)R! Für "Winterkind" gibt es 5 Lurche!


Über die Autorin:
Lilach Mer, geboren 1974, wuchs in Berlin und Schleswig-Holstein auf. Sie ist Juristin und ausgebildete Fachjournalistin und arbeitet an der Universität. Daneben gibt sie sich der Fabulierlust hin, wann immer sie die Zeit dafür findet.

Kommentare:

  1. Ich habe von der Autorin und dem Buch noch nichts gehört aber es klingt richtig gut und ganz nach meinem Geschmack! Ich mag Geschichten die auf Märchen basieren!!
    Also vielen Dank für den guten Tipp!!
    Lieben Gruß Krys

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  2. Freut mich, dich auf den Geschmack gebracht zu haben, Krys! Du wirst es sicher nicht bereuen :)

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  3. waas? Winterkind??!!?!? Tz, Namensklauer!! :D
    Ich kannte das Buch nicht, mal sehen, vielleicht les ichs ja irgendwann.. schon allein um zu gucken, obs das wert is, "meinen" Namen geklaut zu haben ;)

    lg Caro ^-^

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  4. Ahhh, das "Winterkind"! Ich habe es auch gerade erst gelesen und stimme dir in deiner Rezi voll und ganz zu! Mich hat vor allem die Atmosphäre in dem Buch sehr beeindruckt (ich konnte mich total gut in die Zeit zurückversetzen) und der Schreibstil war auch wieder etwas ganz besonderes. Bitte mehr von Frau Mer :-)

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