Rezension: "Geisterzeilen"

Titel: Geisterzeilen
AutorIn: Janina Ebert
Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf
Seitenzahl: 312
Preis: 14,95€
ISBN-10: 3862651398
ISBN-13: 978-3862651399
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Worum geht's?
Die sechzehnjährige Helena kann schon seit einigen Tagen nicht mehr schlafen. Liebeskummer plagt sie, raubt ihr die Lebenslust, den Appetit und den Schlaf. Wie konnte dieser blöde Marc ihr das bloß antun? Auch in jener Nacht halten die Tränen Helena wach, als sie plötzlich beschließt, langsam einen Schlussstrich unter die Sache zu ziehen. Kaum hat sie diese Entscheidung gefällt, überkommt sie der Drang, einen Stift in die Hand zu nehmen und zu schreiben. Helena ist sich sicher: Jemand hat sich in diesem Moment in ihre Gedanken geschlichen und durch ihre Hände geschrieben, denn so etwas könnte sie niemals zu Stande bringen! Da ihr ihre neue Gabe gute Noten in der Schule einbringt, übergibt sie dem Unbekannten anstandslos ihre Hände, sobald er sie benötigt. Doch dann unterschreibt Helena ihre Geschichtsarbeit mit einem fremden Namen: Oskar Schiller. Wer ist dieser Mann und warum ergreift er ständig Besitz von ihr? Helena versucht, Kontakt mit Oskar aufzunehmen - und es gelingt ihr. Er erklärt ihr, dass er ein "Ghostwriter" ist, ein Geist, der in der Welt der Lebenden bleibt, um durch offene Herzen aufzuschreiben, was er zu Lebzeiten nicht mehr verfassen konnte. Seit jener Nacht ist Helena extrem empfänglich für die Ghostwriter und es dauert nicht lange, bis weitere Geister auftauchen, die durch sie schreiben wollen: ein namenloser Gentleman, der ihr Knie weich werden lässt, und eine unheimliche Geisterfrau, die das junge Mädchen in Angst und Schrecken versetzt...

Kaufgrund:
"Geisterzeilen" von Janina Ebert ist mir eher zufällig ins Auge gefallen. Das Cover hat mir von Anfang an nicht recht zusagen wollen, weshalb ich einige Male an dem Buch vorbeiging, ohne ihm Beachtung zu schenken. Als ich eines Tages jedoch auf einer Webseite den Klappentext las, war mein Interesse geweckt!

Meine Meinung:
Janina Ebert hat in ihrem Debütroman "Geisterzeilen" den Begriff "Ghostwriter" wörtlich genommen und daraus eine innovative und frische Idee geschaffen, die man so noch nie gelesen hat: verstorbene Schriftsteller und Schreibtalente bleiben als Geister in der Welt der Lebenden und schreiben durch die Hände jener Menschen, die ihr Herz öffnen, die Geschichten nieder, die sie selbst nicht mehr verfassen können. Ein kreativer Einfall mit viel Potenzial aus der Feder einer blutjungen deutschen Autorin - ich kann verstehen, wenn man bei so einer Hintergrundgeschichte skeptisch ist, aber damit tut man Janina Ebert unrecht. Sie hat ein Buch geschrieben, das es verdient hat, gelesen zu werden. Eine Geschichte mit einer neuartigen Idee, einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte, einer lustigen Teenager-Story und tiefgründigen und traurigen Handlungssträngen, die man ruckzuck verschlingt.

Die sechzehnjährige Helena ist die Protagonistin des Romans und erzählt ihre Geschichte selbst. Autorin Janina Ebert hat sich allerdings eine etwas ungewöhnliche Perspektive für ihren Roman ausgesucht. Helena erzählt ihre Geschichte nicht bloß, sie schreibt sie in dem Moment auf, in dem man sie lesen darf. Es sind bereits einige Jahre vergangen und sie ist nicht mehr das pubertierende Mädchen von früher, trotzdem schildert sie ohne Scheu all die peinlichen Gedanken und Taten, die sie als Jugendliche begangen und gedacht hat - und das sind nicht wenige! Hätte Helena ihre Geschichte als sechzehnjähriges Mädchen erzählt, wäre sie mit ihrer naiven, leichtsinnigen und schwierigen Art als Protagonistin komplett durchgefallen. Nun, da sie bereits älter ist und ihr damaliges Verhalten selbst mit Humor nehmen und kommentieren kann, wirkt Helenas Zeit als Teenager nicht nervtötend, sondern amüsant und sorgt für viele kleine Lacher während des Lesens. Besonders die Momente, in denen Helena ihr seltsames Verhalten vor ihren Eltern erklären muss, haben mich oft zum Schmunzeln und Grinsen gebracht. Leider war Helenas naives Verhalten an ein paar Stellen zu viel des Guten, sodass man manchmal doch ein wenig von ihr genervt war.

Liebeskummer ist es, der Helena für die Ghostwriter empfänglich macht und sie damit langsam, aber sicher in ihr nächstes Kummerloch treibt. Der namenlose Geist, der die junge Protagonistin heimsucht, ihr Komplimente macht und sie zum Lachen bringt, ist ein charmanter Gentleman, der einem schnell ans Herz wächst. Kein Wunder, dass Helena sich in ihn verliebt! Doch mit der Zeit müssen die beiden sich eingestehen, dass sie die tiefen Gefühle, die sie für einander entwickelt haben, niemals werden ausleben können. Sie werden einander niemals in die Arme schließen können, niemals eine Zukunft miteinander teilen können, denn er ist schon lange tot und sie lebt in der Gegenwart. Janina Ebert hat sich für ihren Roman eine wahrlich außergewöhnliche Liebesgeschichte ausgedacht, die einen glücklich und traurig zugleich macht. Obwohl man genau weiß, dass es für sie kein Happy End geben kann, wünscht man sich als Leser nichts sehnlicher und beginnt sogar, an Wunder zu glauben.

Der namenlose Gentleman ist allerdings nicht der erste Geist, den Helena kennenlernt. Oskar Schiller, der zu seinen Lebzeiten selbst als echter "Ghostwriter" gearbeitet hat, ist der erste, der Helenas Hand führt und ihr damit sogar einige gute Noten in der Schule verschafft. Oskar ist die liebe Seele des Romans, die Helena stets mit Rat und Tat zur Seite steht, der fürsorgliche Großvater, dem man alles erzählen kann und der immer eine Antwort auf die eigenen Fragen weiß. Durch Oskar lernt Helena, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Er selbst hat in seinem Leben viele schreckliche Dinge erleben müssen, besonders der Nationalsozialismus in Deutschland hat ihn geprägt, und deshalb liegt ihm viel daran, dass Helena begreift, wie wichtig es ist, der schlimmen Vergangenheit zu gedenken.

Doch Helena bekommt nicht nur Besuch von guten Geistern. Auch eine unheimliche Geisterfrau flüstert ihr Worte ins Ohr, grausame Worte, die das junge Mädchen verstören und beinahe in den Wahnsinn treiben. Die Geisterfrau schreibt durch Helenas Hände von blutigen Gewalttaten, von verzweifelten Selbstmorden und von fürchterlichen Selbstverstümmelungen, die nichts für schwache Nerven sind. Selbst als außenstehender Leser treffen einen diese Texte direkt im Knochenmark und sorgen dafür, dass einem ein eiskalter Schauer über den Rücken rinnt. Wer diese Szenen in der Nacht liest, kann sich Albträumen sicher sein! Doch so schrecklich einem die Geisterfrau auch erscheint, sie schreibt nicht ohne Grund. Sie will Helena etwas mitteilen...

Um was es sich dabei genau handelt und inwiefern es sich auf die Charaktere auswirkt, erfährt man erst sehr spät in der Geschichte, aber das Thema, mit dem sich die Geisterfrau in ihren Gedichten befasst, ist für die Leser spätestens nach ihrem zweiten Text offensichtlich. Dafür muss man kein Interpretationsgenie sein! Umso enttäuschter war ich davon, dass Helena den Sinn dieser Gedichte partout nicht erkennen wollte. Die Auflösung des Ganzen, die Erklärung, das Wieso, Weshalb und Warum ist der Autorin zwar gut gelungen und hat einiges wieder wettgemacht, hat mich aber nicht völlig über die Naivität der Protagonistin hinwegtrösten können.

Janina Eberts Schreibstil hat mir ausgesprochen gut gefallen. Die junge Autorin schreibt mit einer jugendlichen Leichtigkeit, mit einer Prise Humor und vielen Emotionen. Bereits nach kurzer Zeit ist man ihrem Stil erlegen und kann sich vollkommen in dem flüssigen und mitreißenden Lesefluss treiben lassen, der einen erfasst. Aber ihre Sprache ist nicht nur für ein Jugendbuch perfekt geeignet - Janina Ebert kann auch anders! Wenn Helena die Geschichten und Gedichte ihrer Ghostwriter niederschreibt, zeigt sich das wahre Schreibtalent der jungen Autorin. Dort schreibt sie mit so viel Tiefe und Gefühl, dass man gar nicht anders kann als beeindruckt zu sein. Ich bin mir sicher: Von Janina Ebert kann man noch Großartiges erwarten!

Cover:
Das typische Mädchengesicht - ja, die Verlage wollen noch immer nicht davon loslassen. Mir persönlich sagt es nicht zu und auch sonst wirkt das Cover viel zu düster und zu farblos. Zumindest die Verzierungen gefallen mir sehr gut, aber die kann man leider nur auf der Rückseite des Buches vollends bestaunen.

Fazit:
"Geisterzeilen", der Debütroman der talentierten Schriftstellerin Janina Ebert, ist ein Buch aus deutscher Feder, das es verdient hat, gelesen zu werden. Die junge Autorin hat sich eine außergewöhnliche und innovative Geschichte ausgedacht, der man so noch nie begegnet ist. Die Idee hinter den "Ghostwritern" hat mir unheimlich gut gefallen und hat sich perfekt in Helenas facettenreiche, emotionale und sogar kritische Geschichte eingefügt. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung an alle, die sich gerne auf etwas Neues einlassen! Ich vergebe gute 4 Lurche.


Über die Autorin:
Janina Ebert wurde 1992 in Pirmasens geboren. Weil sie sich von den vielen Büchern ohne Happy End nicht angesprochen fühlte, begann sie schon früh damit, selbst an Geschichten zu schreiben. Zurzeit studiert sie im zweiten Semester Psychologie an der Universität des Saarlandes. "Geisterzeilen" ist ihr Debütroman.

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