Rezension: "Das Mädchen mit dem Haifischherz"

© Antje Kunstmann
Titel: Das Mädchen mit dem Haifischherz
Originaltitel: The Panopticon
AutorIn: Jenni Fagan
ÜbersetzerIn: Noemi von Alemann
Verlag: Antje Kunstmann
Seitenzahl: 332
Preis: 19,95€
ISBN-10: 3888979250
ISBN-13: 978-3888979255
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Worum geht's?

Mit gerade einmal fünfzehn Jahren hat Anais Hendricks mehr Straftaten zu verbuchen als so mancher Schwerverbrecher. Sie stiehlt, prügelt, nimmt eine Droge nach der anderen, ist ein böses Mädchen durch und durch. Für ihre Sozialarbeiterin, die Polizisten und die Richter ist schon lange klar, dass Anais ein hoffnungsloser Fall ist. Als sie mit Blut verschmiert verhaftet wird und sich dem Vorwurf stellen muss, eine Polizistin ins Koma geprügelt zu haben, wird Anais ins Panoptikum gebracht. In der Besserungsanstalt für Jugendliche soll sie bleiben, bis geklärt ist, ob sie in eine geschlossene Anstalt gehört. Bloß Anais, die sich partout nicht erinnern kann, weiß: Alles, was sie erlebt und getan hat, ist Teil eines Experiments, an dem Menschen zerbrechen sollen. Aber Mädchen mit Haifischherzen geben so schnell nicht auf…

Meine Meinung:

„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ von Jenni Fagan ist ein Debüt, das es in sich hat. Ganz egal, was man sich vor dem Lesen von dem Buch erwartet: Es ist nicht das, was man tatsächlich geboten bekommen wird. Denn die Geschichte von Anais‘, dem Mädchen mit dem Haifischherz, das eine Polizistin ins Koma geprügelt hat, nachdem sie schon hunderte von anderen Straftaten begangen hat, ist in jeglicher Hinsicht außergewöhnlich. Es ist ein Buch, das mir einiges abverlangt hat, mich aber doch faszinieren konnte. Trotzdem kann ich nur eine bedingte Leseempfehlung aussprechen, denn „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ ist vor allem eins: Krass!

Kaum hatte ich das erste Kapitel gelesen, musste ich „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ schon wieder beiseitelegen. Schon nach wenigen Seiten brauchte ich eine Lesepause, denn alles an diesem Buch hat mich angestrengt und auch abgeschreckt. Jenni Fagan hat einen sehr extremen Schreibstil, der vor Flüchen und Schimpfworten geradezu überläuft. Auch hinsichtlich der Handlung nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund. „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ ist brutal, grausam, rüde und erbarmungslos und ganz sicher nichts für schwache Nerven. Die vielen Gedanken- und Zeitsprünge, die Jenni Fagan in Anais‘ Kopf stattfinden lässt, machen es zudem alles andere als leicht, die Handlung zu durchblicken und zu verstehen. Wer eine leichte Lektüre mit einer rebellierenden Protagonistin erwartet hat, hat sich definitiv das falsche Buch herausgesucht.

Je mehr man liest, je besser man Anais und ihre Geschichte kennenlernt, desto besser kommt man auch mit dem außergewöhnlichen Stil des Buches zurecht. Schrecken die krassen Worte und die drastische Geschichte zunächst ab, so können sie einen als Leser nach einer Eingewöhnungszeit doch faszinieren und in einen außergewöhnlichen Bann ziehen. Voraussetzung dafür ist aber ganz klar, dass man über seine eigenen Werte- und Moralvorstellungen hinwegsehen und sich auf Anais‘ Welt einlassen kann. Nicht selten fühlte ich mich mit dem extremen Drogenkonsum und Anais‘ Trips, die Jenni Fagan sehr authentisch beschrieben hat, überfordert, wie auch von den Gewalttaten und dem psychischen Terror zwischen den Buchdeckeln. Obwohl ich häufig eine Lesepause von dem Mädchen mit dem Haifischherz brauchte, so hat es mich doch immer wieder zu dem Buch zurückgetrieben, um mehr von Anais‘ zu erfahren.

Mit gerade einmal fünfzehn Jahren verkörpert Anais alles, was ein böses Mädchen nur ausmachen kann. Sie nimmt eine Droge nach der anderen, ist nonstop bekifft, kann sich kaum ausdrücken, ohne ein Schimpfwort zu benutzen, und prügelt sich. Nun wird der jungen Protagonistin sogar vorgeworfen, eine Polizistin ins Koma geschlagen zu haben. Na, wenn das nicht die perfekten Eigenschaften für eine sympathische Hauptfigur sind! Was sich im ersten Moment lächerlich anhören mag, ist allerdings tatsächlich wahr: So erschreckend und abstoßend man Anais auf den ersten Seiten noch betrachtet, so sehr wächst sie einem im Laufe der Geschichte doch ans Herz. Denn Anais ist gar nicht das böse Mädchen, das alle aus ihr machen wollen. Sie ist ein gebrochenes Kind mit einer Geschichte, die einem selbst das Herz bricht. Mit einem Schicksal, das sie zwar zu dem gemacht hat, was sie ist, sie aber dennoch als starke und mutige Persönlichkeit auszeichnet. Man muss Anais bloß eine Chance geben, sie kennenlernen wollen, und man wird auf eine Protagonistin treffen, von der man selbst noch etwas lernen kann – abgesehen von neuen Flüchen!

Wer nicht gerne mit offenen Fragen zurückgelassen wird, wird mit Anais‘ Geschichte ebenfalls nicht glücklich werden. Viele, vor allem für Anais auch sehr essentielle Dinge, klärt Jenni Fagan bis zur letzten Seite nicht auf. Sie lässt ihre Leser mit ihren Gedanken, Eindrücken, Vermutungen zurück und überlässt ihn ein wenig fraglos wieder in die reale Welt. Mir persönlich haben die ungeklärten Ereignisse nichts ausgemacht, hatte ich doch stets im Gefühl, dass es in der Geschichte um so viel mehr geht als um die Umstände, die beschrieben werden. Konzentriert man sich beim Lesen aber tatsächlich auf die Handlung, beendet man „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ mit einem mehr als unbefriedigenden Gefühl.

Mit diesem „mehr“ meine ich vor allem die Einstellung zum Leben, die Anais ihren Lesern vermittelt. Das Mädchen musste sich in ihrem jungen Leben so vielen Abscheulichkeiten und Grausamkeiten stellen und wird auch bis zur letzten Seite noch einige erfahren müssen. Anais gibt einem als Leser jedoch selten das Gefühl, dass ihre eigenen Straftaten tatsächlich schlecht oder böswillig waren. Was ihr im Gegenzug, selbst aus den Reihen der „Guten“, angetan wird, lässt einem die Nackenhaare zu Berge stehen! Zwischen den Zeilen von „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ steckt so viel, dass einen dazu zwingt, über Gut und Böse nachzudenken. Ist eine Straftat vor dem Gesetz immer falsch? Und sind die Strafen tatsächlich gerecht? Anais gibt ihren Lesern allerdings neben vielen Gedankenanstößen auch Mut und Tapferkeit auf den Weg: Mut, um sich niemals unterkriegen zu lassen, und Tapferkeit, um das Leben durchzustehen. Wie Anais sagen würde: Vive das Leben!

Cover:

Großartig! Das Cover wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet und stellt die mutige Anais genau so dar, wie man sie zwischen den Buchdeckeln kennenlernen wird. Für mich ist dieses Cover ganz eindeutig ein Highlight, das deutlich aus der Masse heraussticht.

Fazit:

„Das Mädchen mit dem Haifischherz“ von Jenni Fagan lässt sich in einem Wort beschreiben: Krass! Obwohl Protagonistin mit gerade einmal fünfzehn Jahren noch nicht ganz aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist, ist dieses Buch nichts für junge Leser. Fagans extremer Schreibstil, der keine Seite ohne Schimpfwort ausklingen lässt, und auch die brutale Geschichte lassen einem so manches Mal die Nackenhaare zu Berge stehen. Trotzdem konnte mich die Anais‘ besondere Geschichte in ihren Bann ziehen und sehr zum Nachdenken bewegen. Sicherlich nichts für schwache Nerven, aber definitiv lesenswert, wenn man sich auf das Buch einlassen kann! Für „Das Mädchen mit dem Haifischherz“ vergebe ich 4 Lurche.


Über die Autorin:

Jenni Fagan wurde in Livingston, Schottland, geboren und studierte Creative Writing an der Greenwich University. Sie veröffentlichte bisher Gedichte und Kurzgeschichten, für die sie zahlreiche Preise und Stipendien bekam. »Das Mädchen mit dem Haifischherz« ist ihr erster Roman, der für verschiedene Preise, darunter den renommierten James Tait Black Memorial Prize, nominiert wurde und ihr einen Platz auf der legendären Granta Liste »20 under 40«, der zwanzig besten englischsprachigen Schriftsteller unter 40, einbrachte. Seit Herbst 2013 ist Jenni Fagan Writer in Residence an der Edinburgh University.

Kommentare:

  1. Vom Cover her habe ich eher eine andere Geschichte erwartet. Ich weiß zwar nicht genau, was ich erwartet habe, aber jedenfalls etwas Anderes.
    Deine Rezension ist die erste positive Rezi, die ich zu diesem Buch gelesen habe. Die meisten Leser beschweren sich über so ziemlich alles in diesem Buch :)
    Wenn sich die Gelegenheit irgendwann einmal bietet, werde ich das Buch bestimmt lesen :)

    Liebe Grüße

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  2. Carly, vielleicht sollte ich es verlosen? ;)
    Ich kann verstehen, dass einem das Buch nicht gefällt. Es ist eben total anders, sehr extrem, sehr speziell. Aber ich mag solche Bücher, die so ganz anders sind als das, was man üblicherweise zu lesen bekommt. Man muss sich eben drauf einlassen können.

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  3. Na da bin ich aber mal gespannt..

    Habe das Buch noch auf meinem SuB

    Liebe Grüße,
    Lisa

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  4. Sehr schöne Rezension! Ich habe das Buch lange nicht so gut bewertet wie du, weil ich letztendlich mit Handlung, Figuren und Schreibstil nicht so gut umgehen konnte wie du. Die Faszination wurde von der Abneigung besiegt.

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  5. Du packst auch gerade all die geschriebenen Rezensionen, die du in deinem PC eingelagert hast aus, oder? :D

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  6. Lisa - ich hoffe, dass es dir gefallen wird!

    Melissa - kann ich verstehen! Man muss sich eben auf das Buch einlassen können. ;)

    Nazurka - erwischt! :D Aber ich bin momentan auch fleißig am Schreiben... ;)

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  7. YES!
    Endlich mal jemand, der das Buch zu schätzen weiß! Anais hat mich unheimlich beeindruckt!
    Ich denke auch, dass es um viel mehr geht, als diese ganzen äußeren Umstände. Man muss einfach hinter die Fassade schauen.
    Ganz fantastische Rezi!

    LG
    Anja

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  8. Anja - dankeschön! Ich freu mich, dass es anscheinend noch jemanden gibt, dem das Buch gefällt! :D "Hinter die Fassade blicken" finde ich bei diesem Buch besonders wichtig, aber wenn man sich von dem ganzen Drumherum abschrecken lässt, dann fehlt einem wohl schlichtweg der Zugang.

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  9. Hallo. :)

    Also ich finde deine Rezension echt gut. Mir sind jetzt auch einige Aspekte aufgefallen, über die man im Nachhinein wirklich grübelt, wenn es auch nur unterbewusst geschehen mag. Aber es stimmt, dieses Buch ist wie du so schön sagst: KRASS!

    Ich kann deine Meinung gut teilen und es ist durchaus auch was für junge Leser. Es kommt nur darauf an, wie man mit der Geschichte umgeht, finde ich.

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