Rezension: "Das nachtblaue Kleid"

Karen Foxlee // Beltz & Gelberg // 333 Seiten // gebunden // 17,95€ // 978-3407811813 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Seit ihre Mutter vor vielen Jahren gestorben ist, reist Rose Lovell gemeinsam mit ihrem Vater rastlos durch die Welt. Sie finden keinen Platz für sich und ihre Geschichte, keinen Ort, der sich ihr Zuhause nennen möchte. So hat Rose schon schnell gelernt, alleine zurechtzukommen. Sie braucht niemanden. Weder Freunde, die sie ohnehin wieder verlassen muss, noch Familie, auf die sie sich niemals verlassen kann. Doch als Rose an einem kleinen Ort landet, der sich Paradies nennt, wird plötzlich alles anders. Dort lernt sie die lebenslustige Pearl Kelly kennen, die sie mit ihrem Strahlen zum Lächeln bringt. Von ihr lässt sich Rose sogar dazu überreden, den Ball des Erntefestes besuchen zu wollen – und so lernt das junge Mädchen die alte Edie Baker kennen. Eine Schneiderin, die im Dorf nicht den besten Ruf genießt, aber gemeinsam mit Rose das nachtblaue Kleid näht; das schönste Kleid, das auf dem Ball zu sehen sein wird. Durch Pearl und Edie beginnt Rose endlich, ihrem eigenen Leben die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft zu erlauben. Doch am Tag des Erntefests, an dem alles wunderschön sein sollte, geschieht das Unglück: Das Mädchen im nachtblauen Kleid verschwindet…

Meine Meinung:

„Weißt du, wie sich Liebe anfühlt, Rose? Als hätte man einen Himmel, einen ganzen Himmel in sich rasen. Ein Himmel mit allen vier Jahreszeiten darin. In der einen Minute schwebt man nur so dahin, und dann wieder ist man voller Donnerwolken, und dann ist man dunkel und tief und voller Sterne, und dann ist man leer.“ (Seite 220)

„Das nachtblaue Kleid“ beginnt mit einem äußerst seltsamen Einstieg: Ein außenstehender Erzähler kündigt an, dem Leser das Ende der Geschichte vorweg zu verraten. Er beobachtet eine Szenerie, in der ein Mädchen in einem nachtblauen Kleid auf jemanden zu warten scheint. Er hat Einblick in ihre Gedanken und Gefühle, spürt ihre Nervosität. Doch genau in dem Moment, indem es spannend wird, indem ein wenig Licht ins Dunkel zu strahlen scheint, springt der Roman zurück an seinen Anfang. Innerhalb dieser kurzen Zeit hat es Karen Foxlee geschafft, ihre Leser in die Fänge ihrer Geschichte zu treiben. Unbezwingbare Fänge, die ihre Beute nicht mehr loslassen, ehe man die letzte Seite erreicht und das Rätsel gelöst hat…

Karen Foxlee erzählt die Geschichte um das nachtblaue Kleid auch in den weiteren Kapiteln (die passenderweise immer nach einem Schneiderstich benannt sind) stets aus zwei Perspektiven. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen, aber eindringlichen Szene aus dem Danach – der Zeit nach dem Erntefest, der Zeit nach dem Unglück. Ohne zu viel vom Ende der Geschichte zu verraten, sorgen diese Abschnitte immer wieder für Spannung und Aufregung. Man will weiterlesen, mehr erfahren, dem Geheimnis auf die Schliche kommen! Doch Karen Foxlee bietet ihren Lesern die Lösung der Katastrophe nicht auf dem Silbertablett. Sie fordert ihre Leser zum Nach- und Mitdenken auf, zwingt sie beinahe dazu, die Handlung auf eine Art und Weise zu verfolgen, die über das bloße Lesen einer Geschichte hinausgeht. Diese ganz spezielle Atmosphäre, die „Das nachtblaue Kleid“ hervorruft, macht den Debütroman der Autorin zu einem ganz besonderen Leseerlebnis: Drückend wie die schwüle Hitze in der Regenzeit Australiens, beengend wie das Leben im tuschelnden Paradies und zugleich so frei wie die Luft in den stillen, geheimnisvollen Wäldern.

Der zweite Teil eines jeden Kapitels, der von den Geschehnissen vor der großen Katastrophe berichtet, lebt vor allem von seiner ruhigen und stillen Anspannung. Man begleitet Rose, wie sie die Ortschaft Paradies entdeckt, wie sie Freundschaften knüpft, wie sie sich an diesem fremden Ort entwickelt. Da man bereits weiß, dass sich zum Ende der Geschichte etwas Schreckliches zutragen wird, kann man gar nicht anders, als die Handlung mit Argusaugen zu verfolgen. Dennoch ertappt man sich so manches Mal dabei, wie man sich in das Leben und die Authentizität der Geschichte fallen lässt und das Grausige dabei verdrängt. Das Buch lebt von seinen schaurigen Andeutungen, von den grausigen Theorien, die man sich als Leser in seinen Gedanken zusammenreimt. Doch während die beiden Handlungsstränge sich immer weiter annähern, darf man auch an vielen intimen und emotionalen Momenten der Charaktere teilhaben, die sich nicht nur gegenseitig, sondern auch selbst immer wieder neu entdecken.

Die fünfzehnjährige Rose ist keine stereotype Jugendbuch-Protagonistin. Sie ist eine verschlossene, sehr distanzierte Persönlichkeit, die es einem zunächst sehr schwer macht, einen Zugang zu ihr zu finden. Der frühe Tod ihrer Mutter und das rastlose Herumreisen mit ihrem Vater hat Rose geprägt, sie schnell lernen lassen, dass sie besser alleine zurechtkommt, ohne sich auf jemanden verlassen zu müssen. Durch dieses Verhalten und ihre schroffe, ehrliche Art wirkt Rose oft kühl und unnahbar, doch im Verlauf der Handlung lernt man das widerspenstige Mädchen mit den schwarz geschminkten Augen und den dunklen Lippen wirklich kennen.

Dank der unterschiedlichen Charaktere im Paradies lernt Rose, das Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Pearl Kelly, das lebensfrohe und aufgeweckte Mädchen, schleicht sich in Windeseile in das Herz von Rose – und auch in das eigene. Sie lebt ihr Leben auf eine sorgenfreie, beschwingende Art, die ansteckt und einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Durch sie taut Rose auf und beginnt, ihr tief vergrabenes Ich zu entdecken, ihre Sehnsüchte und Wünsche zu erkunden. Gleichzeitig verändert Rose aber auch etwas in Pearl, etwas Tiefgreifendes und ebenso Entscheidendes, das Pearl reifer und erwachsener werden lässt. Zwischen den beiden Mädchen entsteht eine wahrlich außergewöhnliche Freundschaft, die nicht nur sie bewegt und berührt.

Neben den zahlreichen weiteren Charakteren, die eine entscheidende Rolle in „Das nachtblaue Kleid“ spielen, sticht vor allem die alte Edie Baker hervor. Jeder von Foxlees Figuren ist eine einzigartige und markante Persönlichkeit mit eigenen Stärken und Schwächen, mit interessanten Facetten und Charakterzügen, mit eigenen Abgründen. Edie Baker jedoch, die liebenswürdige Schneiderin, die von den anderen Bewohnern aufgrund ihrer skurrilen Lebensart als Hexe betitelt wird, ist etwas ganz besonderes. Sie hat ihre eigene Geschichte zu erzählen, aus der man viel mehr lernen kann als man zunächst glauben mag. Edie ist auf liebenswürdige Weise sonderbar, entwickelt sich nach einer anfänglichen Befangenheit aber schnell zu einem Lieblingscharakter, den man so schnell nicht wieder vergisst.

Karen Foxlee verfügt über einen außergewöhnlichen Schreibstil, durch den sie ihr Debüt deutlich von der Masse abhebt. Sie schreibt mit einer Eindringlichkeit und Intensität, die unter die Haut geht, und einer Ausdrucksstärke und Bildgewalt, die einen mit Haut und Haar in die Welt zwischen den Buchdeckeln versinken lässt. Zugleich legt sie aber auch eine Behutsamkeit und Ruhe an den Tag, die ihren Worten eine ganz besondere Magie verleiht. Man liest „Das nachtblaue Kleid“ nicht wie ein typisches Buch, sondern wie eine kraftvolle Erzählung, in der jedes Wort eine ganz besondere Bedeutung innehat: wachsam, aufmerksam und mit einer Aufregung, die süchtig macht.

Der Abschluss der Geschichte hat mich leider mit ein paar gemischten Gefühlen zurückgelassen. Einerseits bin ich mir sicher, dass Karen Foxlee für „Das nachtblaue Kleid“ das perfekte Ende geschrieben hat. Auch wenn es nicht das Ende ist, das man den einzelnen Charakteren gegönnt hätte, so ist es doch genau dasjenige, das passender, treffender und echter kaum sein könnte. Dennoch hat es mich nicht vollends zufriedenstellen können, was nicht nur daran lag, dass es für mich durchaus zu erahnen war. Karen Foxlee beantwortet nicht jede Frage, die im Laufe der Handlung aufgekommen ist, und lässt ihren Roman dadurch sogar über die letzte Seite hinaus geheimnisvoll erscheinen. Trotzdem wurde ich bis zum letzten Satz dieser Rezension das Gefühl nicht los, dass der Auflösung der Katastrophe das gewisse Etwas gefehlt hat. Dass es noch einen winzigen Funken in der Handlung gab, der um jeden Preis erzählt werden wollte. Eines ist damit allerdings glasklar: „Das nachtblaue Kleid“ wird mich noch lange beschäftigen…

Fazit:

„Das nachtblaue Kleid“ von Karen Foxlee ist anders, anders als die meisten anderen Bücher, die der Jugendbuchmarkt zu bieten hat. Es erzählt die Geschichte einer tiefen Freundschaft, einer berührenden Suche nach der eigenen Persönlichkeit und eines unsäglichen Unglücks, das alles verändert. Karen Foxlee hat mit ihrem Debüt einen Roman geschrieben, der seine Leser trotz seiner stillen und ruhigen Atmosphäre aufwühlt, sie süchtig an den Seiten kleben lässt. Der sie dazu zwingt, „Das nachtblaue Kleid“ nicht bloß zu Lesen, sondern zu erleben. Die Geschichte um Rose und das nachtblaue Kleid ist wirklich besonders und in vielerlei Hinsicht so atemberaubend wie die drückende Hitze Australiens. Ein Must-Read für alle, die Geschichten fernab des Mainstreams lieben. Für „Das nachtblaue Kleid“ vergebe ich sehr gute 4 Lurche.

Vielen Dank an den Beltz&Gelberg Verlag und Blogg dein Buch für dieses Rezensionsexemplar!

Über die Autorin:

Karen Foxlee, geb. 1971 in Queensland/Australien, arbeitete viele Jahre als Krankenschwester, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte und Creative Writing studierte. Sie lebt als freie Autorin in Gympie/Queensland in Australien. Für ihr literarisches Debut wurde sie mit dem renommierten Queensland Premier’s Literary Award ausgezeichnet.

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