Rezension: "Marmorkuss"

Jennifer Benkau // script5 // 432 Seiten // gebunden // 18,95€ // 978-3839001660 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Jarnos größter Traum ist es, Fotograf zu werden. Bisher sind seine Fotos allerdings nichts als eine brotlose Kunst. Um das zu ändern und aus seiner Leidenschaft endlich einen Beruf zu machen, möchte er an einem Wettbewerb teilnehmen, bei dem Jarno einen Ausbildungsplatz als Fotograf gewinnen kann. Das Thema: Sehnsucht nach Wärme. In einer alten, verkommenen Villa findet Jarno das perfekte Motiv: ein wunderschönes Marmormädchen, in das er sich beinahe ein bisschen verliebt. Als es durch einen kleinen Unfall zu einem Kuss zwischen den beiden kommt, geschieht jedoch das Unfassbare. Das Marmormädchen ist verschwunden. Stattdessen taucht eine junge Frau auf, lebendig und aus Fleisch und Blut, die der Statue zum Verwechseln ähnlich sieht. Ihr Name ist Klara. Wie Jarno hat sie einen großen Traum. Und sie hat 111 Jahre geschlafen.

Meine Meinung:

Mit Märchenadaptionen kriegt man mich immer – und wenn sie dann sogar noch von einer so talentierten Autorin wie Jennifer Benkau geschrieben wurde, dann muss die Geschichte einfach großartig sein! In „Marmorkuss“ nimmt sich die deutsche Autorin dem Märchen von „Dornröschen“ an und versetzt es in die heutige Zeit. Im Jahre 2014 findet das Geschehen statt, in welchem der rastlose Jarno auf der Suche nach dem perfekten Foto ein wunderschönes Marmormädchen findet, hinter dem natürlich viel mehr als eine kalte Statue steckt. Jennifer Benkau hat sich aus dem klassischen „Dornröschen“ nur wenige, wenn auch prägnante Elemente für ihre Geschichte übernommen und eine Adaption geschrieben, die mit einer Prise Magie und viel Authentizität begeistert.

Jennifer Benkau spielt in „Marmorkuss“ mit ganz unterschiedlichen Perspektiven. Sie switcht nicht einfach bloß zwischen ihren Protagonisten Jarno und Klara hin und her, sondern tut dies auf eine ganz besondere Art und Weise, die mir so tatsächlich noch nie begegnet ist: Im ersten Teil der Geschichte, in dem Jarno im Jetzt und Klara in der Vergangenheit vorgestellt werden, beendet die Autorin Szenen des einen Charakters mit offenen Satzanfängen, die der jeweils andere zu Beginn seines Auftritts daraufhin zu Ende führt. Auf diese Weise werden Jarnos und Klaras Geschichten miteinander verknüpft, obwohl sie beide noch in ganz unterschiedlichen Zeiten stecken. Eine geniale Idee, die von Anfang an eine fesselnde Atmosphäre erzeugt!

Mit dem zweiten Abschnitt des Romans fällt dieser geschickte Satz- und Szenenwechsel zwar leider aus der Geschichte, aber Jennifer Benkau wäre nicht die geniale Autorin, die sie ist, wenn dies ein erhebliches Loch in die Atmosphäre der Geschichte reißen würde. Mit ihrem großartigen und einzigartigen Schreibstil schafft es die Autorin immer wieder, mich voll und ganz in ihre Geschichten abtauchen und von den verstrickten Handlungssträngen mitreißen zu lassen. „Marmorkuss“ bildet da keine Ausnahme. Auch diesmal habe ich mit wachsender Begeisterung an den Seiten geklebt und mich von der romantisch-realistischen Geschichte verzaubern lassen. Dabei ist „Marmorkuss“ doch irgendwie anders als Benkaus andere Romane. Hier geht es wesentlich ruhiger zu. Trotz der prekären und kriminellen Themen ist die Geschichte von Jarno und Klara sehr zaghaft, beinahe still. Ein etwas anderer Stil, als man ihn von der Autorin gewöhnt ist, für mich aber ein weiterer Beweis für Jennifer Benkaus Talent!

Jarno, der erfolglose, wenn auch begabte Fotograf, ist der männliche Hauptcharakter des Romans. Er hat das Herz am rechten Fleck, aber leider kein Geld, was ihn so manches Mal in schwierige Situationen bringt – und ihn später sogar in gefährliche Machenschaften verwickelt. Er steht im ständigen Konflikt, das Richtige tun zu wollen, aber auch das nötige Kleingeld zu verdienen, um am Monatsende seine Miete zahlen zu können. Seine Leidenschaft, das Fotografieren, ist für Jarno leider eine brotlose Kunst, macht ihn dafür aber zu einem wirklich interessanten Charakter. Mit seinen Ecken und Kanten und seiner Rolle als „etwas anderer Märchenprinz“ hat sich Jarno schnell den Platz als mein persönliches Highlight an „Marmorkuss“ geschnappt.

Klara dagegen, das Dornröschen aus der Vergangenheit, weiß ganz genau, was sie will. Schon für das 19. Jahrhundert, aus dem sie stammt, war sie eine sehr toughe und mutige junge Frau, die sich für ihre Träume einsetzte. Der große Zeitsprung in das Jahr 2014 hat Klara verständlicherweise wieder etwas unsicherer und zurückhaltender werden lassen, aber auch hier ist sie im Großen und Ganzen eine starke und interessante Persönlichkeit. Sie auf ihren Entdeckungstouren durch die neue Zeit zu begleiten ist äußerst amüsant und hat mich oft zum Schmunzeln gebracht! Ihr Verhalten, ihre Art zu sprechen, ihre Fragen – Klara ist einfach herrlich!

So stark die beiden Protagonisten von „Marmorkuss“ sind, so schwach sind allerdings die Nebencharaktere. Bis auf Jarnos Mitbewohnerin Seval gibt es eigentlich kaum eine Figur, die man näher kennenlernen darf. Sei es Jarnos Familie, die mit einigen Problemen zu kämpfen hat, sein bester Freund Ben oder auch die böse Hexe Elise. Vor allem von letzterer habe ich mir doch viel mehr erwartet. Als Antagonistin der Geschichte, als magische Gegenspielerin, hätte ich sie gerne häufiger in Erscheinung treten sehen. Sie ist als Charakter zwar nicht blass – man erfährt sehr wohl, welche Absichten sie verfolgt, welcher Typ Mensch sie ist -, aber recht eintönig und zu „typisch Hexe“. Hier hätte Jennifer Benkau sicherlich noch ein wenig mehr herausholen können.

Fazit:

Großartig und genial, wie man es von einem Benkau-Roman erwartet, und doch ganz anders: Mit ihrem neuen Einzelband „Marmorkuss“ hat Jennifer Benkau eine zauberhafte Geschichte geschrieben, in dem sie das klassische „Dornröschen“-Märchen auf moderne und realistische Weise in die heutige Zeit versetzt. Zusammen mit dem erfolglosen Jarno, der so gar nicht dem typischen Prinzen-Klischee entspricht, und dem starken „Dornröschen“ Klara erlebt man ein eigenwilliges Abenteuer voller ruhiger und romantischer Momente in einer gefährlichen Welt. Denn während Jarno tiefer in kriminelle Machenschaften verwickelt ist, als es ihm lieb ist, muss sich auch Klara Gefahren aus ihrer Vergangenheit stellen. „Marmorkuss“ ist stiller als Jennifer Benkaus andere Romane, aber für Fans von Benkaus einzigartigem Stil dennoch ein Muss! Für „Marmorkuss“ von Jennifer Benkau vergebe ich 4 Lurche.

Über die Autorin:

Jennifer Benkau wurde 1980 in der weltschärfsten Stadt zwischen Düsseldorf und Köln geboren, wo sie mit einem Ehemann, drei Kindern und zwei Katzen lebt. Sie schreibt Bücher, weil es ihr ein Bedürfnis ist, Geschichten zu erzählen, sie aber beim Reden stottert. Zum Schreiben braucht sie Wind, laute Musik, Schokolade, Kiwis und Kaffee; aus dieser Mixtur entstehen paranormale Liebesromane, die der Autorin als Ausgleich dienen, bezeichnet sie sich doch selbst als ebenso romantisch wie einen getragenen Turnschuh.

Kommentare:

  1. Ich habe noch keinen Roman von Jennifer Benkau gelesen, aber bei mir liegt "Himmelsfern noch auf dem SuB ;)
    Auf der FBM war ich auf der Lesung von Jennifer Benkau und ziemlich begeistert, daher steht Mamorkuss auch auf meiner Wunschliste, aber ich warte erstmal ab, wie mir Himmelsfern gefällt ;)

    Liebe Grüße
    Chrisi

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  2. Liebe Lurchi,
    deiner Rezi kann ich mich voll und ganz anschließen. Genau so sehe ich die Geschichte auch. Etwas mehr Elise hätte ich gerne gelesen und auch die sonstigen Nebencharas lernte man etwas spärlich kennen. Am Ende fand ich es aber total spannend und auch sonst hatte mich die Geschichte voll auf ihrer Seite.
    Grüß dich lieb,
    Damaris

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  3. Hey :-) die Rezension hat mir sehr gut gefallen, ich bin gerade am Anfang des Buches und freue mich schon, wenn ich die Zeit finde, um weiterzulesen. Hast du schon andere Romane von ihr gelesen ?

    LG

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