Rezension: "Der Wald der träumenden Geschichten"

Malcolm McNeill // Fischer KJB // 544 Seiten // gebunden // 16,99€ // 978-3596856701 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Max weiß nicht, wo er herkommt. Wer seine echten Eltern sind. Wer er selbst ist. Max weiß nur eines: Er liebt Geschichten. Als die Welt von einem mysteriösen Verschwinden der Menschen heimgesucht wird, ist Max mehr als erschüttert, dass die Schuld daran ausgerechnet der Fantasie in die Schuhe geschoben wird. Ihm wird das Lesen verboten, seine Bücher werden verbrannt. Nie hat Max seine Adoptiveltern mehr gehasst! Er wäre sicherlich nicht traurig, wenn sie ebenfalls vom Verschwinden betroffen wären. Doch dann passiert genau das: Max‘ Adoptiveltern verschwinden und zwei mysteriöse Gestalten offenbaren dem Jungen, dass sein Leben und das Verschwinden stark miteinander verbunden sind. Um herauszufinden, wer er wirklich ist, macht sich Max auf die Reise in den „Wald des Anfangs“, einer phantastischen Welt voller geheimnisvoller Wesen und Gefahren.

Meine Meinung:

Merkwürdig, absonderlich, schräg: Hätte ich nur drei Wörter, um „Der Wald der träumenden Geschichten“ von Malcolm McNeill zu beschreiben, wären es genau diese drei. Drei Worte, die mich als absoluten Fan skurriler Geschichten immer aufmerksam aufhorchen lassen, sich meist sogar so fest in mein Gedächtnis brennen, dass das Buch tatsächlich früher oder später seinen Weg in mein Bücherregal findet. „Der Wald der träumenden Geschichten“ hatte also die besten Voraussetzungen, um zu einem wahren Lesegenuss für mich zu werden!

„Der Wald der träumenden Geschichten“ fängt vielversprechend an. Die Geschichte, die in drei große Abschnitte unterteilt ist, beginnt mit vielen Perspektivwechseln und stellt dem Leser das bedeutende Problem der Geschichte vor: das Verschwinden! Überall auf der Welt verschwinden urplötzlich Menschen und niemand kann sich das seltsame Phänomen erklären. Man lernt Boris kennen, einen jungen Wissenschaftler, die seltsame Mrs Jeffers, die empfindlich auf Licht reagiert (und nein, sie ist kein Vampir!), Forbes und Alice, die ihr Leben ändern wollen, und ihren Adoptivsohn Max, den wahren Protagonisten der Geschichte. Der Einstieg in die Geschichte ist definitiv schwierig und verworren, aber auch sehr interessant, und gibt einem als Leser das Gefühl, eine große und epische Geschichte in seinen Händen zu halten.

Malcolm McNeill hat einen großartigen Schreibstil, der mir ab der ersten Seite wirklich mehr als gut gefallen hat. Seine Worte sind eindringlich und faszinierend, seine Satzbauten komplex und geschickt konstruiert. So manches Mal hat der Autor es sogar geschafft, eine vermeintlich ruhige Szene mit seinen Worten so mitreißend und spannend zu gestalten, dass ich nicht mehr mit dem Lesen aufhören wollte. McNeill bändigt seine Worte nicht und lässt sie gelegentlich sogar über die Seiten tanzen, sodass neben seinem tollen Stil auch lustige Wortbilder entstehen. Aber so gut mir dieser Stil auch gefallen hat, brachte er mich zu meinem ersten Kritikpunkt: Schreibt Malcolm McNeill hier tatsächlich für Kinder ab 10 Jahren?

Kindern, die gerne und viel lesen, kann man durchaus den einen oder anderen dicken Schmöker zutrauen. Auch komplexere Schreibstile sind für waschechten Leseratten-Nachwuchs wohl seltener ein Problem als man glaubt. Im Falle von „Der Wald der träumenden Geschichten“ ist es jedoch nicht nur der Schreibstil an sich, der den 500-Seiten-Wälzer in meinen Augen für eine junge Leserschaft eher schwierig macht. Malcolm McNeill schreibt nicht nur vielschichtig und verschlungen, so konzipiert er auch die Handlung seines Romans. „Der Wald der träumenden Geschichten“ bietet keine einfache Geschichte, sondern eine, die sowohl ihren Charakteren als auch ihren Lesern viel Mit- und Nachdenken fordert. Wer hier den roten Faden verliert, ist schneller aufgeschmissen, als es ihm lieb ist!

Genau das ist mir nach dem starken Anfang des Romans auch schnell passiert. „Der Wald der träumenden Geschichte“ hat eine komplizierte, wenn auch einzigartige und innovative Welt inne, die voller unterschiedlicher Geschichten steckt. Malcolm McNeill greift viele Handlungsstränge auf, die sich schnell in einander verstricken, ohne dass man gleich Sinn und Absicht dahinter versteht. Kaum hat man ungefähr herausgefunden, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln will, wird „Der Wald der träumenden Geschichten“ teilweise sogar ein wenig zu langatmig. Durch den Mittelteil, der viele Fragen aufwirft, aber nur wenig Antworten liefert, musste ich mich trotz McNeills tollem Schreibstil leider ein wenig durchbeißen.

Mit dem letzten Abschnitt nimmt das Buch wieder deutlich an Fahrt auf, aber leider kann das den Gesamteindruck kaum noch aufbessern: „Der Wald der träumenden Geschichten“ entwickelt sich sehr abstrus und skurril weiter, scheint manchmal aber selbst nicht ganz genau zu wissen, was es überhaupt will. Es gibt einige sehr schwierige, teils brutale Szenen, die einen selbst als erwachsenen Leser noch zum Erschauern bringen. Daran sind besonders einige Entscheidungen der Figuren schuld, die einen als längst aus der Altersempfehlung herausgewachsenen Leser immer wieder die Frage in Erinnerung rufen, ob man dieses Buch wirklich einem zehnjährigen Kind in die Hand drücken würde.

Toller Schreibstil, zwiespältige Story – da müssen die Charaktere doch noch etwas herausholen können! Leider sind Malcolm McNeills Figuren in „Der Wald der träumenden Geschichten“ mein größtes Problem in seinem Roman gewesen. Ja, sie alle sind auf den ersten Blick wahnsinnig interessant, aber dabei bleibt es leider auch. Besonders die Nebencharaktere treten zwar oft auf, verschwinden aber ebenso schnell wieder, sodass man nicht viel über sie in Erfahrung bringen kann. Sie bleiben bis zur letzten Seite die mysteriösen, fast geisterhaften Erscheinungen, als die man sie kennenlernt. Und Max, der seltsame Protagonist, wächst einem im Verlauf der Geschichte zwar manchmal für kurze Momente ans Herz, stellt diese Bindung allerdings mit nicht nachvollziehbaren Entscheidungen und unglaublichen Handlungsentschlüssen schnell wieder auf die Probe.

Fazit:

„Der Wald der träumenden Geschichten“ von Malcolm McNeill ist ein schwieriges Buch, das ebenso schwer zu lesen wie zu bewerten ist. McNeills phantasievolle und einzigartige Geschichte hat mich fasziniert, in ihrer Umsetzung aber oft auch enttäuscht und mit langatmigen Szenen kämpfen lassen. Der Schreibstil des Autors ist großartig und hat mich immer wieder zum Weiterlesen animiert, während ich zu seinen Charakteren und ihren Handlungen kaum einen Zugang gefunden habe. „Der Wald der träumenden Geschichten“ ist merkwürdig, absonderlich und schräg, hat mich allerdings nicht annähernd so sehr begeistert wie erhofft. Das Buch hat mich sehr oft unzufrieden gestimmt, aber es gab doch so einige Momente, in denen ich mich von den einzigartigen und großartigen Ideen des Romans habe verzaubern lassen. Eine wahrlich zwiespältige Geschichte, zu der sich jeder lieber selbst ein eigenes Bild machen sollte. Von mir gibt es für „Der Wald der träumenden Geschichten“ leider sehr schwache 3 Lurche.

Über den Autor:

Malcolm McNeill, geboren 1976 in Newcastle, England, wuchs in Glasgow und Edinburgh auf. Nach seinem Literaturwissenschafts- und Schauspielstudium trug er Post in London aus, putzte Toiletten in Berlin und arbeitete als Englischlehrer in der ganzen Welt, zuletzt in Vietnam. ›Der Wald der träumenden Geschichten‹ ist sein internationales Debüt.

1 Kommentar:

  1. Huhu (:
    Das Cover sieht wirklich zauberhaft aus. Immer wenn ich es sehe, muss ich kurz anhalten und es bewundern. Den Klappentext finde ich jetzt leider schon weniger interessant. Da es für mich in einem Buch nichts schlimmeres gibt als langatmige Stellen, ist es wohl nichts für mich. Danke für die tolle Rezension ♥

    Alles Liebe,
    Jasi

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