Rezension: "Lieber Mr. Salinger"

Joanna Rakoff // Knaus // 304 Seiten // gebunden // 19,99€ // 9783813505153 // Zum Fazit?

Worum geht's?

1996: Die 24-jährige Joanna kommt frisch von der Uni nach New York, um in der Welt der Bücher ganz groß rauszukommen. Sie strotzt vor Leidenschaft und Liebe zum geschriebenen Wort, kann es kaum abwarten, an Manuskripten und mit Autoren zu arbeiten! Als sie in einer Literaturagentur eine Stelle als Assistentin der Chefin angeboten bekommt, holt die Realität – nämlich der Büroalltag – Joanna allerdings schnell ein. Manuskripte sieht Joanna lange Zeit nur auf den Schreibtischen ihrer Kollegen. Dafür ist ihrer voll mit Fanpost an den berühmten J. D. Salinger, der durch die Agentur vertreten wird. Joanna hat noch nichts von ihm gelesen, doch durch die Briefe lernt sie den Autor auf eine ganz besondere Weise kennen: Wer ist der Mann, der abertausende von Menschen mit seinen Worten so tief berührt?

Meine Meinung:

In „Lieber Mr. Salinger“ nimmt Autorin Joanna Rakoff ihre Leser mit in das literarische New York der 90er Jahre. Frisch von der Uni stürzt sich die 24-jährige Joanna in die Buchbranche und landet als Assistentin in einer Literaturagentur, in der natürlich alles noch klassisch und traditionell auf Schreibmaschinen statt auf Computern getippt wird. Mit wenig Lohn, aber umso mehr Leidenschaft und Herzblut arbeitet Joanna ein Jahr lang für die Agentur. Ein Jahr, in dem sie die Liebe zur Literatur lebt und sich weiterentwickelt, sowohl beruflich als auch privat, und in dem eine Faszination für einen Autor in ihrem Herzen wächst, von dem sie noch nie etwas gelesen hat: J. D. Salinger.

Als Assistentin der Chefin der Agentur ist es Joannas Aufgabe, niemanden an den zurückgezogenen Mr. Salinger heranzulassen. Sie darf auf keinen Fall seine Kontaktdaten preisgeben, muss alle Journalisten mit einem verständnisvollen Lächeln auf den Lippen abwimmeln und seine Fanpost beantworten, die der Autor ausdrücklich nicht zugestellt bekommen möchte. Durch eben diese Briefe lernt Joanna Salinger auf eine ganz besondere Weise kennen, die einen auch als Leser neugierig an den Seiten kleben lässt: Wer ist der Mann, der so viele Menschen mit seinen Worten so tief bewegen konnte und sich zugleich so stark von der Öffentlichkeit distanziert? Wer ist J. D. Salinger?

Während Joanna diese Frage für sich selbst zu beantworten versucht, während sie langsam, aber sicher in der literarischen Szene Fuß fasst und Kontakte knüpft, lernt die junge Frau auch sich selbst kennen. Der Roman mit den autobiografischen Zügen – bei der Protagonistin Joanna handelt es sich nämlich um niemand Geringeres als Autorin Joanna Rakoff selbst – erlaubt seinen Lesern nicht nur einen atmosphärisch dichten Einblick in die Literaturszene New Yorks in den 90er Jahren. Er erzählt auch vom Erwachsenwerden, den ersten eigenen Schritten abseits des Elternhauses und jenseits der Uni. Von den ersten großen Entscheidungen, sowohl den richtigen als auch den falschen, von der Liebe und dem Zusammen- und Auseinanderleben. Vor allem berichtet Joanna Rakoff aber von der schwierigen Suche nach dem eigenen Ich, den eigenen Wünschen und Zielen. Es mag daran liegen, dass auch mein Herz ganz wie Joannas für die Literatur schlägt, aber ich habe Joanna als Protagonistin sehr gerne ein kleines Stückchen durch ihr Leben begleitet.

So wie Joanna hatte auch ich noch nichts von Salinger gelesen, als ich zu „Lieber Mr. Salinger“ griff. Für das Verständnis der Geschichte ist dies auch überhaupt nicht nötig, aber eines ist glasklar: Wer J. D. Salinger vorher nicht kannte, wird es nach diesem Buch definitiv wollen und schnellstmöglich in den nächsten Buchladen rennen! Die Begeisterung für seine Geschichten, die durch die verschiedenen Charaktere des Romans deutlich wird, ist ansteckend! Schlussendlich bin ich sogar sehr froh darüber, vorher noch nichts von Mr. Salinger gelesen zu haben: So hat „Lieber Mr. Salinger“ für mich einen großen Wiederles-Charakter. Und ich bin mir sicher, dass der Roman mir - dann als frisch gewonnener Salinger-Fan - eine neue, aber mindestens ebenso überzeugende Seite von sich zeigen wird.

Joanna Rakoff schreibt sehr ehrlich und bildhaft, ohne sich dabei zu stark in Details zu verlieren. Ich habe jedes ihrer Worte verschlungen und wollte „Lieber Mr. Salinger“ gar nicht mehr aus der Hand legen. Dabei ist die Geschichte an sich sehr gradlinig aufgebaut. Der Fokus liegt eher auf der richtigen Atmosphäre und den Gedanken und Gefühlen der Autorin. Der Roman ist auf eine ruhige Weise mitreißend, ohne wirklich spannend zu sein, und genau das macht „Lieber Mr. Salinger“ so besonders. Trotzdem war ich nach der letzten Seite nicht rundum zufrieden. Neben Joanna blieben die anderen Charaktere für mich viel zu blass, auch wenn die Autorin viel zwischen den Zeilen zu erzählen weiß.

Fazit:

„Lieber Mr. Salinger“ hat sich für mich schnell als Herzensbuch entpuppt, zwischen dessen Buchdeckeln ich mich pudelwohl gefühlt habe. Ich habe mich mit Joanna Rakoff köstlich amüsiert, mit ihr mitgefiebert, gemeinsam mit ihr über die Briefe an Mr. Salinger gegrübelt und auch über das eigene Leben nachgedacht. Dieser Roman ist für jeden einen genaueren Blick wert, der sich für die literarische Szene interessiert und eine ganz besondere Liebe zum geschriebenen Wort hegt – vielleicht ja sogar zu Mr. Salinger selbst. Für „Lieber Mr. Salinger“ vergebe ich gute 4 Lurche.

Über die Autorin:

Nach ihrem Studium an renommierten amerikanischen Universitäten stürzte sich Joanna Rakoff in die Welt der Literatur. Sie arbeitete als Kritikerin für die „New York Times“, die „Los Angeles Times“ und die „Vogue“ und veröffentlichte einen Roman („A Fortunate Age“), der zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Joanna Rakoff lebt in Cambridge, Massachusetts.

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