Rezension: "Wenn ich bleibe"

Gayle Forman // Blanvalet // 304 Seiten // Taschenbuch // 8,99€ // 9783442384044 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Eigentlich sollte es ein ganz normaler, spontaner Ausflug für Mias Familie werden. Doch dann crasht ein LKW in das Familienauto. Mias Eltern sind sofort tot und auch sie schwebt in großer Lebensgefahr. Aber Mia erhält die Chance sich zu entscheiden: Will sie bleiben oder gehen?

Meine Meinung:

Wie wirst du dich entscheiden: Willst du leben oder sterben? Diese bedeutende Frage Autorin Gayle Forman ihrer Protagonistin Mia in „Wenn ich bleibe“. Nach einem Unfall, der ihre Eltern noch am Unfallort das Leben kostete, liegt Mia schwerverletzt im Koma. Sie schwebt in Lebensgefahr, steht an der Schwelle zwischen Leben und Tod, und es liegt ganz allein in ihrer Hand: Will sie kämpfen und leben? Für Adam, ihren Freund, und ihre Zukunft als Cellistin an einer der bekanntesten Musikschulen in New York? Oder will sie sich geschlagen geben und all dem Schmerz entfliehen?

„Wenn ich bleibe“ beginnt mit dem schweren Unfall und macht seinen Lesern gleich bewusst: Du hältst zwar ein Jugendbuch in deinen Händen, aber erwarte keine leichte Kost! Man begleitet Mia auf dem schwersten Entscheidungsweg ihres Lebens. Durch den Unfall wurde Mias Geist quasi von ihrem Körper getrennt: Wie eine geisterhafte Erscheinung, die niemand wahrnehmen kann, beobachtet sie ihren eigenen bewusstlosen Körper, der nur durch die Maschinen der Intensivstation am Leben gehalten wird. Sie sieht, wer sie nach ihrem Unfall besuchen kommt, kann ihren Worten lauschen, die Mia Kraft und Mut schenken sollen. Aber niemand kann Mia ihre Entscheidung abnehmen. Gayle Forman lässt Mia bewusst von der Gegenwart erzählen, lässt sie aber noch häufiger in für sie wichtigen und bedeutsamen Erinnerungen schwelgen. Man lernt Mia und ihre Familie kennen, wie sie vor dem Unfall waren, und gerät durch die vielen Erinnerungen selbst in eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle: Eben hat man noch mit der Familie gescherzt, sich mit Mia in Adam verliebt, und schon im nächsten Moment sieht man sich mit der knallharten Realität konfrontiert.

Mia ist trotz ihres jungen Alters eine sehr besonnene und erwachsene Protagonistin. Sie ist quasi das genaue Gegenteil zum Rest ihrer Familie: Während Mias Eltern und ihr Bruder Teddy sehr spontane, laute und verrückte Persönlichkeiten sind, ist Mia selbst sehr ruhig, zurückhaltend und ernst. Sie liebt Klassik, der Rest ihrer Familie steht auf Punkrock. Trotz der Unterschiedlichkeiten herrscht in Mias Familie so viel Vertrauen und Liebe, so viel Loyalität und Zusammenhalt, dass einem das Herz aufgeht. Ja, Mias Familie ist speziell, aber sie sind dabei so herzlich und liebenswürdig, dass man sich einfach in sie verlieben muss. Mit ihrer Sicht auf die Welt, ihren eigenwilligen Erziehungsmethoden und ihrer witzig-frechen Familiendynamik habe ich sie sehr lieb gewonnen.

Mia hat mir als Protagonistin unheimlich gut gefallen. Ihre Leidenschaft für die Musik, ihre Liebe zu ihrer Familie und ihrem Freund Adam, ihre bodenständige und ehrliche Persönlichkeit – all das hat dafür gesorgt, dass mir Mia sehr schnell ans Herz gewachsen ist. Aus Mitleid, das mich nach dem ersten Kapitel mit ihr verband, ist in Windeseile tiefes Mitgefühl und Verständnis geworden. Dies lag vor allem an Mias Natürlichkeit und ihrer Lebendigkeit. Gayle Forman haucht Mia in „Wenn ich bleibe“ so viel Leben ein, dass man leicht in Versuchung gerät zu vergessen, dass sie bloß ein Buchcharakter ist und keine Freundin, die einem ihre Lebensgeschichte erzählt.

Musik spielt in „Wenn ich bleibe“ eine ganz entscheidende Rolle. Mia ist eine talentierte Cellistin, ihr Bruder spielt Schlagzeug, ihr Vater beherrscht die Gitarre wie kein Zweiter und spielte jahrelang in einer Band und auch Mias Freund Adam feiert mit seiner eigenen Band „Shooting Star“ die ersten großen Erfolge. Ihre Liebe zur Musik, ihre Leidenschaft für die Kunst hat mich nicht nur begeistert, sondern regelrecht von den Socken gehauen. So viel Herzblut und Intensität, wie die Charaktere in ihre Musik stecken, kann einen nur anstecken (und dabei spiele ich selbst überhaupt kein Instrument!). Beinahe war mir so, als würde ich beim Lesen Mia und ihr Cello mit eigenen Ohren hören können – einfach großartig.

So sehr ich mich von Gayle Formans Roman auch habe begeistern lassen, so stark ich mich auch von den Gefühlen habe mitreißen lassen: Über die berühmtberüchtigte Szene zwischen Adam und Mia, in welcher sie auf höchst seltsame Weise ihre Körper erkunden, konnte ich selbst nur schmunzeln. Bei aller Liebe zur Musik und allem Verständnis für die tiefgreifende Leidenschaft des jungen Pärchens: Hier hat es Gayle Forman in meinen Augen doch ein bisschen übertrieben. Trotz ihres gefühlvollen Schreibstils konnte ich die Szene nur mit einem amüsierten Grinsen im Gesicht lesen. Der intime Moment, der die Beziehung von Adam und Mia auf eine neue Ebene setzen soll, wirkte auf mich leider so gar nicht authentisch und stach sehr aus dem sonst so harmonischen Gesamtbild heraus. Vielleicht fehlte mir hierfür aber auch einfach das Taktgefühl eines Vollblutmusikers.

Fazit:

Willst du kämpfen und leben? Oder willst du alles hinter dir lassen und sterben? Dieser schwierigen Entscheidung muss sich Protagonistin Mia in „Wenn ich bleibe“ von Gayle Forman stellen. Für mich entpuppte sich das Buch schnell als eine emotionale und berührende Achterbahn der Gefühle. Während ich mit Mia in wunderschönen Erinnerungen schwelgte und zugleich mit ihr unter der knallharten Realität der Gegenwart litt, wuchs sie mir unheimlich ans Herz. Auch die Nebencharaktere, die Entwicklung der Geschichte und die großartige Atmosphäre konnten mich überzeugen. Für „Wenn ich bleibe“ vergebe ich 4 Lurche.

Über die Autorin:

Gayle Forman arbeitete als Journalistin, u. a. für Cosmopolitan, Seventeen, The Nation und Elle. Ihr erstes Buch schrieb sie über ihre einjährige Weltreise mit ihrem Mann Nick, dem inzwischen weitere preisgekrönte Bücher gefolgt sind. Sie lebt mit ihrer Familie in New York.

Kommentare:

  1. Ich wusste gar nicht, dass das Buch nun mit neuem Cover wieder raus gebracht wurde - passend dem Marketingtrend solcher Geschichten, hm? ;> Ich hab noch die alte Ausgabe auf meinem SuB liegen und freue mich nun auch schon auf's Lesen, schöne Rezension! :)

    Liebste Grüße! <3

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    1. Ich bin ja schon froh, dass es beim "zweiten Anlauf" so ein schönes Cover und nicht das Filmcover bekommen hat. ;) Aber ja, es folgt schon sehr auffällig dem Trend, da hast du recht!

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