Rezension: "Rabensommer"

Elisabeth Steinkellner // Beltz & Gelberg // 202 Seiten // Klappbroschur // 12,95€ // 9783407812001 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Es ist ihr letzter gemeinsamer Sommer: Juli, Ronja, Niels und August sind seit Jahren die besten Freunde. Nun sind sie alle volljährig - erwachsen! - und haben die Schule hinter sich. Ihre große Zukunft steht ihnen bevor: Juli entschließt sich, aus der Provinz wegzuziehen, um zu studieren. Ronja geht nach England. Niels muss wegen schlechter Noten noch ein Jahr zur Schule und August ist in der letzten Zeit ohnehin ständig verschwunden. Juli will ihren letzten Sommer mit ihren Freunden bis zur letzten Sekunden auskosten, ehe ihre Wege sich trennen. Doch schon bald macht ihnen die starken Veränderungen einen Strich durch die Rechnung. Das pure Leben bricht über sie herein.

Meine Meinung:


[…] Wir wissen eben alle, dass das unser letzter gemeinsamer Sommer ist. Die letzten paar Wochen zu viert, bevor sich die Lebenslinie verästelt und zu vier unabhängigen Wegen wird. Bevor wir alle in einen anderen Zug steigen und in verschiedene Richtungen davonfahren. So ist das also, denke ich. Das Erwachsenwerden. (S. 30)

Endlich 18, endlich erwachsen! Dass auf die unbeschreibliche Freude über die eigene Unabhängigkeit, die Freiheit und die Selbstbestimmung schnell Überforderung und Ungewissheit folgen, muss früher oder später jeder einmal am eigenen Leib erfahren. In Elisabeth Steinkellners Jugendbuch-Debüt „Rabensommer“ stecken die vier Freunde Juli, Ronja, Niels und August mitten in dieser komplizierten Zeit und müssen sich all den schwierigen Fragen und Problemen des Erwachsenwerdens stellen: Wohin zieht es uns? Zu wem hat uns unsere gemeinsame Zeit gemacht? Wer sind wir, wer wollen wir sein – und vor allem: Bleiben „wir“? Kann unsere Freundschaft trotz der wachsenden Distanz, der starken Veränderungen bestehen?

Obwohl „Rabensommer“ mit knapp 200 Seiten ein recht dünnes Büchlein ist, schafft es die junge Autorin mit einer beeindruckend intensiven Authentizität, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass sie ein besonderes Talent dafür hat, die verworrene Gefühlswelt ihrer Charaktere darzustellen. Als Protagonistin und Erzählerin, die den Lesern einen Einblick in ihre unausgesprochenen Gedanken erlaubt, steht Juli im Fokus des Romans. Ihre Freunde kommen dennoch nicht zu kurz: Elisabeth Steinkellner erzählt all ihre Geschichten: Von Juli, die sich fragt, ob Niels wirklich ihre große Liebe ist. Von Ronja, die Filme machen will, aber erst einmal nach England geht. Von Niels, der weiterhin die Schulbank drücken muss, weil seine Noten zu schlecht waren. Und von August, der überhaupt nicht weiß, was er will – außer dieser einen Sache, von der niemand etwas wissen soll. Der erste Teil der Geschichte widmet sich auf strahlende und doch bedrückende Art und Weise der letzten gemeinsamen Zeit der vier besten Freunde, der vier Raben: der Vertrautheit, dem Spaß und der Liebe, aber auch den Sorgen und Ängsten.

Voller wunderschöner und poetischer Textstellen zeigt „Rabensommer“, wie stark und wie schnell sich das Leben in dieser Zeit des Erwachsenwerdens verändert. Wie weh es tut, Bekanntes und Geliebtes hinter sich lassen zu müssen, um Wege einzuschlagen, die voller Stolpersteine sind. Wie schmerzhaft es ist, sich eingestehen zu müssen, dass manche Entscheidungen und Entwicklungen nicht abzuwenden sind. So eindringlich und ehrlich, wie Elisabeth Steinkellner schreibt, zeichnet sie das wirre und belastende Gefühlschaos ihrer Figuren direkt in die Köpfe ihrer Leser. Eine locker-leichte Wohlfühl-Lektüre ist „Rabensommer“ mit seiner schweren Atmosphäre sicher nicht, dafür aber eine unglaublich direkte und offene Erzählung über das wahre Leben, die noch lange nachhallt.

Etwa ab der Hälfte, mit dem zweiten Teil der Geschichte, löst sich der Roman von seinen festen Strukturen – so, wie es auch die vier Freunde tun müssen. Von nun an liest man keine klar eingeteilten Kapitel mehr, sondern Gedanken- und Erlebnisfetzen der Protagonistin Juli. Plötzlich ist alles anders, das pure Leben bricht über Juli herein. Über Juli, die nun kein Teil ihres Rabenschwarms mehr ist, sondern inmitten der knallharten Realität lernen muss, allein zu fliegen. Elisabeth Steinkellners ohnehin sehr ausdrucksvoller Schreibstil kann sich in diesem zweiten Teil noch besser entfahlen, noch stärker präsentieren, noch eindringlicher beweisen – und so werden selbst aus Julis Einkaufslisten aufgeladene Ströme aus Emotionen, die ein himmelhoch jauchzendes oder zu Tode betrübtes Lebensgefühl vermitteln können.

„Rabensommer“ ist zwar oftmals sehr traurig und bedrückend, aber dennoch ist es ein kleines Büchlein, das Mut macht. Mut zu wagen, zu leben, zu lieben. Es steckt voller lebensbejahender Weisheiten, die einem die Kraft geben, nicht aufzugeben, durchzuhalten. Ganz egal, wie dunkel, verwirrend oder gar unbezwingbar das Leben manchmal scheint: Juli und ihre Raben lernen, ihren Weg zu gehen. Deshalb führt das letzte Kapitel des Romans das Buch auch zu einem perfekten Ende. Es ist nicht alles klar, es gibt einige offene Handlungsstränge und ungeklärte Fragen. Die Ungewissheit, die Juli, Ronja, Niels und August von der ersten bis zur letzten Seite begleitet, bleibt – auch über das Buch hinaus, in jedem Leben. Und sie alle gehen weiter, Schritt für Schritt.

Fazit:

Elisabeth Steinkellners Jugendbuch-Debüt "Rabensommer" ist ein eindringlicher Roman über das Erwachsenwerden, mit all seinen Veränderungen und Problemen. Protagonistin Juli und ihre Freunde Ronja, Niels und August stehen mitten in der veränderungsreichsten Zeit ihres Lebens - und bekommen das bittersüße Leben in all seinen Facetten zu spüren. Sie müssen Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, ihre Wege gehen. Doch wie schafft man all das, ohne sich selbst aus den Augen zu verlieren? Ohne sich gegenseitig zu verlieren? Elisabeth Steinkellner schreibt zugleich direkt und poetisch und hat damit einen wundervollen und gefühlvollen Roman geschrieben. Einen Roman, der einen mit der schweren Härte des Lebens zu Boden zwingt, um zu beweisen, wie wichtig - und schön! - es ist, das Fliegen zu lernen. Für "Rabensommer" vergebe ich 5 Lurche.


Vielen Dank an den Beltz&Gelberg Verlag und Blogg dein Buch für dieses Rezensionsexemplar!

Über die Autorin:

Elisabeth Steinkellner, geboren 1981 in Niederösterreich, Ausbildung zur Sozialpädagogin und Studium der Kultur- und Sozialanthropologie in Wien. Sie lebt und arbeitet als Autorin von Kurzprosa, Lyrik und Kinderbüchern (mit Bildern von Michael Roher) in Baden bei Wien. "Rabensommer" ist ihr erster Roman für Jugendliche und ihre erste Veröffentlichung bei Beltz & Gelberg.

Kommentare:

  1. Hallo (:

    Ich wollt fragen, ob ich für meine Rezension aus deiner zitieren darf? natürlich mit Verlinkung!

    Liebst, Nicole

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    1. Liebe Nicole,
      natürlich! Ich würde mich sogar sehr freuen! :)
      Allerliebste Grüße!

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