Rezension: "Die Fäden der Zeit"

Lori M. Lee // Vanessa Lamatsch // Blanvalet // 384 Seiten // Taschenbuch // 9,99€ // 9783734160318 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Zusammen mit ihrem Ziehbruder Reev führt Kai in den Slums von Ninurta ein kümmerliches Leben. Obwohl Kai diesem Leben um jeden Preis entfliehen will, ist es für sie umso wichtiger, im Verborgenen zu bleiben. Denn Kai verfügt über eine besondere Fähigkeit: Sie spürt die Fäden der Zeit und kann die Zeit verlangsamen. Eine Gabe, die für Kai Fluch und Segen zugleich bedeutet und eine große Gefahr birgt. Doch dann verschwindet Reev spurlos. Zusammen mit ihrem Freund Avan macht sie sich auf die Suche – und setzt alles aufs Spiel, um ihren Bruder wiederzufinden.

Meine Meinung:

Mit „Die Fäden der Zeit“ startet Lori M. Lee eine neue Fantasy-Serie, in der sie aus den Elementen verschiedener Genres eine ganz eigene Welt geschaffen hat. Mit einer gelungenen Mischung aus einer düsteren, dystopischen Atmosphäre, einer scheinbar ausgestorbenen Magierrasse, Irrungen und Wirrungen von Schicksal und Zeit und außergewöhnlichen mechanischen Reittieren nimmt einen die Welt von Ninurta ab der ersten Seite gefangen.

Man begleitet Protagonistin Kai, die als eine Art Briefträgerin arbeitet, um sich ihr kümmerliches Leben in den Slums von Ninurta, dem so genannten Labyrinth, zu finanzieren. Dort lebt sie zusammen mit ihrem Ziehbruder Reev, seit er Kai als verwahrlostes, heimatloses Mädchen ohne Familie an einem Fluss gefunden und aufgenommen hat. Ihr Leben ist nicht einfach – nicht zuletzt wegen Kais besonderer Gabe. Denn Kai kann die Fäden der Zeit um sich spüren und nutzen, um die Zeit zu verlangsamen. Reev ist der einzige, der von Kais Fähigkeiten weiß, und um ihrer Sicherheit willen muss dies auch so bleiben. Für die aufmüpfige Protagonistin, die alles dafür tun würde, um ihrem Bruder ein besseres Leben zu ermöglichen, allerdings eine schwere Aufgabe.

Kais Herz schlägt nur für Reev. Ihre bedingungslose Liebe zu ihrem Bruder ist unerschütterlich und macht schnell deutlich, dass Kai absolut alles für ihr geben würde – sogar ihr Leben. Für einen als Leser ist es daher nicht allzu verwunderlich, dass Kai ohne zu zögern den Entschluss fasst, aus den Mauern von Ninurta in die tödliche Wildnis zu fliehen, als Reev zu Beginn der Handlung spurlos verschwindet. Damit beginnt ein stimmungsvolles und spannendes Abenteuer voller unerwarteter Wendungen, magischer Überraschungen und atemberaubender Jagden. Lori M. Lee versteht es, ihre Leser mit einer einzigartigen Handlung zu faszinieren und zu fesseln. „Die Fäden der Zeit“ strotzt vor Individualität und Ideen, denen selbst Vielleser noch nicht begegnet sein werden.

Trotz der tollen Atmosphäre, den vielen kreativen Ideen der Autorin und ihrem flüssigen Schreibstil konnte mich „Die Fäden der Zeit“ nicht völlig begeistern. Zweifelsohne bot sich mir von der ersten bis zur letzten Seite ein gelungenes Lesevergnügen, weshalb auch die Fortsetzung von Kais Geschichte bei mir einziehen wird, dennoch fühlte mir stets das gewisse Etwas. Lori M. Lee hat definitiv viel Talent und ihre Geschichten auch das Potenzial, zu einem sprachlos machenden Pageturner zu werden. „Die Fäden der Zeit“ haben das bei mir aber noch nicht geschafft. Vor allem das Ende des Reihenauftakts hat auf mich zu gewollt gewirkt.

Auch an den Charakteren kann Lori M. Lee noch etwas feilen. Während Kai mit ihrem sturen Kopf sicherlich bei einigen Lesern anecken wird, konnte sie mich mit ihrem unbezwingbaren Mut und ihrem starken Willen überzeugen. Die Nebencharaktere jedoch wirkten auf mich teilweise zu gestelzt oder gezwungen, als wären sie nur Teil der Geschichte, um ihre Aufgaben zu erfüllen und dann langsam, aber sicher in Vergessenheit geraten zu können. Gerade in einer Welt, wie Lori M. Lee sie in „Die Fäden der Zeit“ geschaffen hat, sind schwache Nebencharaktere fehl am Platz. Im direkten Vergleich wirken sie, als hätte die Autorin all ihre einzigartigen Ideen nur in ihren Weltenentwurf gesteckt. Hier sehe ich noch viel Luft nach oben, auch wenn der Lesegenuss selbst dadurch nicht geschmälert wurde. Sympathisch – beziehungsweise berechtigt unsympathisch! - waren die relevanten Figuren auf ihre Weise dennoch.

Fazit:

„Die Fäden der Zeit“ von Lori M. Lee ist der Auftakt einer neuen Fantasy-Serie, die Fans von einzigartigen Weltenentwürfen definitiv näher ins Auge fassen sollten. Der erste Band hat mich mit seinem gelungenen Genre-Mix, seinen kreativen und individuellen Ideen und seiner starken Protagonistin sehr gut unterhalten. Dennoch bleibt für die Fortsetzung noch Luft nach oben, vor allem aus den Nebencharakteren kann die Autorin noch einiges herausholen. Mit viel Vorfreude auf die Fortsetzung vergebe ich schwächelnde 4 Lurche.

Über die Autorin:

Lori M. Lee wurde in den Bergen von Laos geboren und verbrachte einige Jahre in einem Flüchtlingscamp in Thailand, bevor sie mit ihrer Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte. Derzeit lebt sie mit ihrem Ehemann in Wisconsin und arbeitet als Internetexpertin für eine große Zeitschrift. Außerdem schreibt sie einen Blog und twittert, wenn sie nicht gerade an ihrem nächsten Roman arbeitet.

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