[BotM] Wie das Licht von einem erloschenen Stern (2)


In "Wie das Licht von einem erloschenen Stern" beschäftigt sich Autorin Nicole Boyle Rødtnes mit einer außergewöhnlichen Krankheit, der Aphasie. Protagonistin Vega, die nach einem der drei Sterne im Sommerdreieck benannt ist, leidet darunter. Was genau das für sie bedeutet, wer Vega ist und wie sie zu der Krankheit kam, das möchte ich im heutigen Beitrag mit euch teilen!

Meine Mutter sagt, ich sei im Krankenwagen dreimal gestorben.
(S. 17)


Es sollte ein großartiger Abend werden: Eine Party voller Spaß und Lebensfreude, im Kreis ihrer besten Freunde. Mit herzlichen Lachern, ein bisschen zu viel Alkohol und Küssen, die die Schmetterlinge im Bauch flattern lassen. Niemals hätte Vega damit gerechnet, dass ausgerechnet diese Nacht ihr Leben für immer verändern würde - und das nicht im kitschigen positiven Sinne. Vega rutscht aus, fällt ins Schwimmbecken und schlägt mit dem Hinterkopf auf dem harten Boden auf. Die Schmerzen sind unerträglich, ihr fehlt der Sauerstoff, sie verliert das Bewusstsein. Dank einer schnelle Rettung überlebt Vega schwer verletzt. Doch durch eine Hirnblutung und die fehlende Sauerstoffzufuhr wurde ihr Gehirn irreparabel beschädigt. Betroffen ist vor allem ihr Sprachzentrum. Die Diagnose: Aphasie.

»Wie kurz war denn ihr Rock?«, frage ich. Oder genauer gesagt, ich glaube, das gefragt zu haben, aber das Runzeln auf Idas Stirn sagt mir, dass etwas anderes aus meinem Mund gekommen ist.
»Wie kost war das Fest?«, wiederhole ich, und jetzt höre auch ich, dass es nicht richtig war.
(S. 12+13)


Von einem Tag auf den anderen hat Vega ihre Sprache verloren. Und nicht nur das: Ihr gesamtes Verständnis für Buchstaben ist wie ausradiert. Sie kann nicht lesen, nicht schreiben, nicht sprechen. Sie kann nur noch mit Gesten kommunizieren, was für viele Missverständnisse und noch größere Frustration sorgt. Nicht nur für Vega bricht deshalb eine Welt zusammen. Ihre Mutter ist mit der Situation völlig überfordert, hofft auf ein Wunder, tut zu viel des Guten, während ihre beste Freundin Ida und ihr Freund Johan kaum noch mit ihr umzugehen wissen, so sehr sie sich auch darum bemühen. Plötzlich spricht man nicht mehr mit Vega, sondern über sie, für sie, als wäre sie gar nicht mehr da, als würde sie nicht mehr eigenständig entscheiden können. Aus dem lebensfrohen Mädchen, das so viel mit Ida gelacht und ihre Beziehung zu Johan aus vollem Herzen gelebt hat, ist plötzlich eine Einsiedlerin geworden, die sich mehr und mehr zurückzieht.

Alle kennen die Situation, nicht sofort das richtige Wort zu finden. Aber bei mir ist es die ganze Zeit so, als ob ich in einem Labyrinth aus Wörtern suche und dauernd falsch gehe, sodass ein anderes Wort herausrutscht.
(S. 39)


Zu Beginn des Romans ist schon einige Zeit seit dem Unfall vergangen. Vega befindet sich längst in Behandlung und arbeitet hart an sich, um das Sprechen wieder zu erlernen. In manchen Fällen ist es möglich, dass das Gehirn neue Wege für sich findet. An dieser Hoffnung halten Vega und ihre Familie fest. Und tatsächlich hat Vega schon einige Fortschritte gemacht: Einzelne Worte beherrscht sie, durch die sie zumindest ihre Grundbedürfnisse mitteilen kann. Vega reicht das nicht, die mitleidigen Blicke ihrer Mitmenschen und die nicht enden wollenden Missverständnisse rauben ihr öfter die Kraft, als sie sie schöpfen kann. Dann lernt sie jedoch in einer Workshop-Gruppe Theo kennen, der ebenfalls unter Aphasie leidet. Der ebenfalls beinahe ertrunken wäre. Der sie versteht, ihre Sorgen und Ängst fühlen, ihre Wut und Frustration nachempfinden kann. Mit Theo muss sie ihren Kampf nicht mehr alleine ausfechten, sondern hat einen starken Begleiter an ihrer Seite, für den sie eine ebenso große Stütze sein kann. Ob es ihnen gelingen wird, die Aphasie zu überwinden oder mit der Aphasie leben zu lernen, müsst ihr natürlich selbst herausfinden!

Kommentare:

  1. Phu - harter Tobak. Ich beschäftige mich gerade unitechnisch mit einigen neurolinguistischen Studien, die sich genau mit solchen Fällen und Phänomenen beschäftigen. Mir ist das Buch zwar nun schon öfter auf meiner Timeline untergekommen, aber ich hatte keine Ahnung, worum's genau geht. (Das kommt davon, wenn man sich nicht die Mühe macht einen Klappentext zu lesen, weil einem ein Cover nicht zusagt. Ich oberflächliches Etwas.^^) Ich denke, das ist ein Must-read für mich - ein wundervoller Beitrag, Lurchi!

    Schönes Wochenende und LG ♥
    Nana

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    1. Liebste Nana, ich danke dir für deine lieben Worte! :) Ich hoffe sehr, dass es "Wie das Licht von einem erloschenen Stern" in dein Bücherregal schafft. Das Buch ist wirklich besonders und es klingt so, als könnte es dir gefallen, wenn du dich auch in der Uni mit solchen Themen beschäftigst. Ich bin gespannt, ob ich es mal auf deinem Blog entdecken werde! :)

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