[BotM] Wie das Licht von einem erloschenen Stern (4)

Nicole Boyle Rodtnes // Gabriele Haefs // Beltz & Gelberg // 243 Seiten // gebunden // 14,95€ // 9783407821041 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Vega leidet unter Aphasie. Seit sie während einer Party in den Pool gestürzt und sich dabei den Kopf angeschlagen hat, hat sie die Worte verloren. Sie kann weder lesen noch schreiben, und auch das Sprechen fällt ihr schwer: Ständig fallen ihr die falschen Worte aus dem Mund. Dabei will Vega unbedingt sprechen. Über die Nacht des Unfalls und die Träume, die sie seither nicht zur Ruhe kommen lassen. Vega vermutet, geschubst worden zu sein. Aber warum? Als sie während eines Workshops Theo kennenlernt, fasst Vega endlich wieder Mut. Zusammen mit ihm macht sie sich auf Spurensuche - und findet mehr und mehr zurück ins Leben.

Meine Meinung:

»Wie kurz war denn ihr Rock?«, frage ich. Oder genauer gesagt, ich glaube, das gefragt zu haben, aber das Runzeln auf Idas Stirn sagt mir, dass etwas anderes aus meinem Mund gekommen ist.
»Wie kost war das Fest?«, wiederhole ich, und jetzt höre auch ich, dass es nicht richtig war.

(S. 12+13)

Wie fühlt es sich an, wenn man von heute auf morgen seine Sprache verliert? Wenn aus Buchstaben plötzlich wirre Zeichen werden und den eigenen Namen zu schreiben schwieriger wird als eine mathematische Gleichung zu lösen? In „Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ beschäftigt sich Autorin Nicole Boyle Rødtnes mit eben diesen Fragen, denn ihre Protagonistin Vega leidet seit einem schweren Unfall unter der Krankheit Aphasie. Mit hartem Training ist es Betroffenen in manchen Fällen möglich, das Sprechen wieder zu erlernen, doch Vegas Therapeutin ist nach ihrer letzten Einschätzung nicht allzu hoffnungsvoll. An dieser Stelle setzt der Roman an.

Jedes Kapitel wird zunächst mit einer kleinen Erinnerung eingeleitet, in der Vega den Unfall und die Zeit im Krankenhaus Revue passieren lässt. Bruchstückhaft, aber hochemotional schildern diese kleinen Szenen, wie grauenerregend diese Momente für das junge Mädchen gewesen sind. Die Schmerzen, die Verzweiflung, als im Krankenhaus keine ganzen Worte, sondern nur sinnloses Gebrabbel aus ihrem Mund kommt, stellt die Autorin mit ihrem prägnanten Schreibstil so deutlich und ergreifend dar, dass man beim Lesen eine Gänsehaut bekommt. Und je mehr Vega herausfindet, je mehr Erinnerungen zurückkehren, desto kribbeliger wird das Leseerlebnis.

In der Gegenwart geht es dramatisch weiter. Zu Beginn des Buches kann Vega kaum mehr als ihre Grundbedürfnisse ausdrücken. Das vor dem Unfall so lebensfrohe und lustige Mädchen, das mit ihrer besten Freundin herumgealbert und mit ihrem festen Freund die Liebe in vollen Zügen genossen hat, zieht sich mehr und mehr zurück. Während Ida weiterhin versucht, für Vega da zu sein, stellt die Aphasie Johan und sie vor große Probleme. Nicole Boyle Rødtnes beschreibt sehr authentisch und realistisch, wie die Jugendlichen mit der Krankheit umgehen. Sie schafft es nicht nur, Vegas Gedanken und Gefühle realitätsnah darzustellen, sondern auch ihre Bekannten und Verwandten so handeln zu lassen, als würde man keine fiktive Geschichte, sondern eine Autobiografie lesen. Und teilweise stimmt das ja auch: In ihrem Nachwort erklärt Nicole Boyle Rødtnes, dass es ihr aus persönlichen Gründen ein großes Anliegen war, dieses Buch zu schreiben. Ihr Herzblut spürt man in jedem Wort.

Der Roman nimmt eine entscheidende Wendung, als Vega beschließt, an einem Workshop mit anderen von Aphasie betroffenen Jugendlichen teilzunehmen. Dort lernt sie Theo kennen, einen Jungen in ihrem Alter, der sich die Krankheit unter ähnlichen Umständen zugezogen hat. Die beiden Patienten haben sofort einen Draht zueinander, können ungezwungen miteinander auf ihre eigene Weise kommunizieren, und endlich wieder sie selbst – und keine Opfer! – sein. Ihre Beziehung zu Theo wirft Vega allerdings vor ganz neue Probleme, die wie selbstverständlichen ihren Weg in die Handlung finden. In „Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ wirkt nichts aufgesetzt, gespielt oder unnatürlich, im Gegenteil: Der Roman besticht mit seiner Realitätsnähe und geht unter die Haut.

Etwas enttäuscht hat mich zunächst, dass die Bedeutung von Vegas Träumen sehr schnell offensichtlich wurde. Immer und immer wieder spielt Vegas Traum, während der Party in den Pool geschubst worden zu sein, eine tragende und äußerst belastende Rolle. Sie hat schwer mit diesem Verdacht zu kämpfen, den sie mit niemandem außer Theo teilen kann, und dies setzt Nicole Boyle Rødtnes auch gelungen um. Aufmerksame Leser werden sehr früh schon eine Theorie entwickeln können, die sich mit jedem Hinweis stärker festigt und schlussendlich eine spektakuläre Enthüllung verhindert.

Diese Enttäuschung verfliegt mit der letzten Seite des Buches aber sehr schnell. Man schlägt „Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ mit einem sehr positiven Gefühl zu und wird sich schnell bewusst: Es ging hier gar nicht um den großen Plot-Twist oder um ein gut gehütetes Geheimnis. Der Fokus liegt ganz klar auf Vega und ihrer Art und Weise, mit der Aphasie umzugehen, mit ihr leben zu lernen und niemals den Mut und die Hoffnung zu verlieren. Die Spurensuche war bloß ein gut in Szene gesetzter Handlungsstrang, der zwischen den Buchdeckeln für das richtige Tempo und den Pageturner-Faktor sorgt. Und das ist Nicole Boyle Rødtnes bestens gelungen!

Fazit:

„Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ von Nicole Boyle Rødtnes ist ein ergreifend ehrliches Buch über ein Thema, mit dem sich wohl die wenigsten schon beschäftigt haben: Aphasie. Die Autorin erzählt von der 17-jährigen Vega, die nach dem Verlust der Sprache hart darum gekämpft, zurück ins Leben zu finden. Wie fühlt es sich an, weder lesen, schreiben noch sprechen zu können? Was bedeutet die Krankheit für einen selbst und für seine Verwandten und Freunde, für seine Liebe? Wohin mit all der Wut, der Angst und der Trauer, wenn man für sie keine Worte mehr findet? Nicole Boyle Rødtnes nimmt sich in dieser Fragen mit viel Gefühl und noch mehr Authentizität an, sodass man sich zwischen den Buchdeckeln auf eine hochemotionale, bewegende und bedrückende Geschichte gefasst machen muss. Für mich ein außergewöhnliches Must-Read, das nicht nur gelesen werden will, sondern auch gelesen werden muss! Für „Wie das Licht von einem erloschenen Stern“ vergebe ich 5 Lurche.

1 Kommentar:

  1. Hach, ist das schön geschrieben. Ich bekomme einen sehr guten Eindruck vom Buch (auf das ich selbst schon seit bekannt werden ein Auge geworfen habe :)) und freue mich schon sehr darauf, es selbst zu lesen :D
    Liebe Grüße,
    Anna

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