Rezension: "Die Schicksalsseherin"

Sarah Neumann // Eisermann Verlag // 380 Seiten // Taschenbuch // 12,90€ // 9783946172031 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Sie sind es, die die Liebenden zueinander führen, den Sorgenden aus ihren Ängsten verhelfen und ein jedem im Alltag ein Lächeln auf die Lippen zaubern: die Kobolde. Sie sind für das Glück verantwortlich und versorgen alle Anderswelten, die mit der ihren verbunden sind. Doch den Koboldvölkern stehen grausige Zeiten bevor: Als die Regenbögen verkümmern, die Aufrechterhaltung der Glücksproduktion zu einem unmöglichen Unterfangen wird und sogar ihr heiliger Baum erkrankt, bricht Panik aus. Ohne das Glück droht allen Anderswelten der Untergang. Aber wie konnte es so weit kommen? Einzig Seith Maxwell Schwarzstein und Myriel Leora Donnerstein können die Welten nun noch retten. Denn Myriel besitzt die Gabe, das Schicksal vorauszusehen…

Meine Meinung:

„Die Schicksalsseherin“ von Sarah Neumann entführt ihre Leser in eine uns fremde Welt, die ohne unser Wissen stark mit der Menschenwelt verwoben ist: die Welt der Kobolde, der Glücksbringer und Schicksalsweiser. Man begleitet Myriel Leora Donnerstein während eines Auftrags und erlebt sie sogleich als tüchtige Koboldin, die zwei Verliebte mit einer kleinen Prise Glück zueinander führt. Das Setting und die Atmosphäre sind außergewöhnlich und voller Fantasie lassen einen neugierig und gespannt in die Geschichte einsteigen!

Mit den folgenden Kapiteln macht sich allerdings schnell eine gewisse Ernüchterung breit, denn Neumanns Welt ist ebenso besonders wie speziell. Sobald man mit Myriel in die Koboldwelt zurückgekehrt ist, fühlt man sich von ihren Eigenarten schnell erschlagen. Der Einstieg in die Geschichte fällt nicht leicht, die politischen Besonderheiten der Koboldwelt und sowie die Komplikationen der Glücksproduktion nehmen rasch einen großen Teil der Handlung ein und lassen den Lesefluss vor lauter Fragen ins Stocken geraten. Unter all den Fragezeichen ist das Herzblut der Autorin aber deutlich zu spüren, ihre Liebe zu ihrer Welt steckt an und animiert von Kapitel zu Kapitel zum Weiterlesen.

„Die Schicksalsseherin“ wird von zwei Charakteren erzählt: Myriel Leora Donnerstein, der friedliebenden und sehr feinfühligen Tochter des Kriegsoberhauptes, und Seith Maxwell Schwarzstein, dem mutigen und attraktiven Sohn der politisch hoch angesehenen Schwarzstein-Familie. Die beiden Kobolde verbindet eine tiefe Freundschaft, die nicht sein dürfte, denn ihre Familien sind bis aufs Blut verhasst. Dass ihre Gefühle für einander sogar noch stärker sind und über eine reine Freundschaft hinausgehen, versuchen beide zu verheimlichen und zu ignorieren, wohlwissend, dass eine Zukunft für sie beide niemals möglich wäre. Durch die Erzählperspektive lernt man Myriel und Seith gut kennen und es ist interessant zu beobachten, wie sie die Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln wahrnehmen und bewerten.

Im Laufe der Geschichte werden die Schwierigkeiten der Koboldwelt immer drastischer, die Konsequenzen verhängnisvoller, die Zukunft ungewisser – und der rote Faden leider auch immer blasser. Sarah Neumann ist eine sehr junge Autorin und das spürt man ihrem Roman auch an. Hier trifft die brennende Leidenschaft einer zweifelslos talentierten Schriftstellerin auf ihre nicht zu zügelnde Kreativität. Was herauskommt, ist eine bunte und tolle Geschichte, die an einigen Stellen zu viel des Guten präsentiert. Ein klarer Fokus auf den Hauptteil der Handlung, weniger Nebensächlichkeiten und auch eine von Anfang an deutlicher gezogene Grenze magischer Fähigkeiten hätte der „Schicksalsseherin“ gut getan und den Lesefluss leichter gestaltet.

Ähnliche Kritik habe ich auch an den Charakteren. Weniger ist eben doch mehr: Plötzlich in Erscheinung tretende, nicht maßgeblich relevante, aber für die Figur wohlbekannte Mächte sorgen bloß für Verwirrungen und lassen die Charaktere gekünstelt wirken. Generell macht es Myriel den Lesern nicht immer leicht: Obwohl sie eine starke Persönlichkeit ist, vergießt sie unheimlich viele Tränen und strapaziert die Nerven der Leser. „Die Schicksalsseherin“ ist in all seinen Facetten ein Roman wie eine Achterbahnfahrt: Es geht auf und ab, mal aufregend und mitreißend, mal nicht stringent genug und ausbaufähig.

Fazit:

Wer Lust auf Fantasy mit frischen, neuen Ideen hat, der greift mit „Die Schicksalsseherin“ von Sarah Neumann zum richtigen Buch. Nach kleinen Einstiegsschwierigkeiten lässt man sich gerne zwischen ihre Worte fallen, um Seite an Seite mit den Kobolden Myriel und Seith um die Rettung des Glücks zu kämpfen. „Die Schicksalsseherin“ glänzt mit einem einzigartigen Setting und tollen Einfällen, schwächelt aber ein wenig in der Umsetzung und bei den Charakteren. Für meinen Geschmack waren die Figuren nicht kantig, die Handlung nicht stringent genug. Obwohl ich in „Die Schicksalsseherin“ noch viel ungeschöpftes Potenzial sehe, bietet das Buch fraglos gute Unterhaltung, vor allem für junge Fantasyfans. Für „Die Schicksalsseherin“ vergebe ich 3 Lurche.

1 Kommentar:

  1. Guten Morgen :)
    Da musste ich gleich mal aufhorchen, als ich gesehen habe, dass du eine Rezension zu "Die Schicksalsseherin" geschrieben hast. Ich habe das Buch auch vor Kurzem gelesen und bin einer ähnlichen Meinung. Ich weiß genau was du mit dem Lesefluss meinst, ich selbst habe mich daran allerdings nicht so gestört. Ich fand nämlich das außergewöhnliche Setting, das du beschreibst auch so grandios! Jetzt wo ich deine Rezi allerdings gelesen habe, frage ich mich doch, ob ich nicht auch härter ins Gericht hätte gehen müssen :D Das ständige Geweine von Myriel war wirklich nicht nötig...aber naja...irgendwie war ich wohl in der verträumten Welt ein wenig gefangen ;)
    Eine wirklich tolle Rezension, in der du wirklich alles Wichtige, was das Buch ausmachst, hervorhebst. :)
    Hab einen guten Wochenstart!
    Liebste Grüße,
    Julia

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