Rezension: "All die verdammt perfekten Tage"

Jennifer Niven // Alexandra Ernst // Limes // 400 Seiten // Paperback // 14,99€ // 978-3-8090-2657-0 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Seit sie in einen furchtbaren Autounfall verwickelt war, leidet die 17-jährige Violet Markey unter extremen Schuldgefühlen. Denn während sie ohne körperlichen Folgeschäden davongekommen ist, ist ihre geliebte Schwester tödlich verunglückt. Und das alles nur, weil Violet sie darum bat, einen anderen Weg zu fahren. Wenn sie doch nur geahnt hätte, welche Konsequenzen ihre Entscheidung haben würde … ihre Entscheidung, die nun zu ihrer größten Schuld und Last geworden ist. Als sie auf dem Dach der Schule an der Brüstung steht und dem lockenden Abgrund von ihren Füßen entgegenblickt, ist es ausgerechnet Theodore Finch, der sie von einem Sprung in die Tiefe abhält. Finch, der Freak der Schule, der mit seiner sonderbaren Art den Ärger stets anzuziehen scheint – und der es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, Violet wieder an die Freuden des Lebens zu erinnern. Sie an das Leben zu erinnern. Doch auch Finch stand an jenem Tag nicht ohne Grund an der Brüstung des Daches …

Meine Meinung:

So schön es auf den ersten Blick auch aussehen mag: „All die verdammt perfekten Tage“, der Debütroman der amerikanischen Autorin Jennifer Niven, ist alles andere als leichte Lektüre. Es ist ein ergreifender, höchst emotionaler Roman über das die Schönheit des Lebens und der Liebe, aber auch über die überwältigende Hoffnungslosigkeit, die einem die Luft zum Atmen raubt, die Ausweglosigkeit, die einen keinen klaren Gedanken mehr fassen lässt, und die Furcht erregende Sehnsucht nach dem Nichts.

Zwischen den Buchdeckeln wartet eine Geschichte, die ihre Leser durch alle Facetten der breit gefächerten Gefühlspalette treibt. Und das tut sie mit einer solchen Intensität und Ausdruckskraft, das sanfte Gemüter oder persönlich Betroffene sich stark getriggert fühlen könnten. „All die verdammt perfekten Tage“ gilt es daher mit Vorsicht weiterzuempfehlen. Denn so sehr mich das Buch berührt, zum Nachdenken bewegt, mitgerissen und begeistert hat, könnte ich es mir sehr gut vorstellen, dass Jennifer Nivens ehrliche und schonungslose Art des Erzählens sensible Leser an ihre Grenzen treibt.

Violet Markey und Theodore Finch teilen sich die Protagonisten- und Erzählerrolle und wechseln sich Kapitel für Kapitel ab, um den Leser an ihrer Sicht auf die Geschehnisse und an ihren persönlichen Gefühlen teilhaben zu lassen. Denn obwohl Violet und Finch beide mit dunklen Gedanken und schweren Lasten zu kämpfen haben, könnten sie als Figuren kaum verschiedener sein. Jennifer Niven zeigt durch sie auf, wie unterschiedlich Menschen unter Problemen leiden, wie unterschiedlich sie mit ihnen umzugehen versuchen. Violet und Finch sind stark definierte Charaktere, die durch Authentizität und Tiefgründigkeit punkten und Leser augenblicklich mitfiebern lassen. Auch wenn Violet im Laufe der Geschichte durch einige Entscheidungen Sympathiepunkte einbüßen musste, so habe ich beide Figuren doch so sehr ins Herz geschlossen, dass mir ihre Geschichte so manches Mal die Tränen in die Augen trieb. Vor Mitgefühl, Angst, Liebe, Wut, Zuversicht und Kummer.

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt: Die Atmosphäre in „All die verdammt perfekten Tage“ schwankt zwischen Extremen. Schon durch den nervenaufreibenden Start der Geschichte wird einem als Leser klar, dass man sich auf einen Roman einlässt, der einer emotionalen Achterbahnfahrt gleichen wird. Wie bedrückend, erfreulich, beklemmend, ermutigend, grausam und wunderschön diese Fahrt tatsächlich werden sollte, hätte ich mir zu Beginn jedoch nicht träumen lassen. Ich habe mich zusammen mit Violet Markey in den charmanten Theodore Finch verliebt, war andererseits gemeinsam mit Finch von Violet und ihrer Ausstrahlung völlig hingerissen, habe aber auch mit beiden sehr unter der enormen Last ihrer dunkelsten Gedanken gelitten. „All die verdammt perfekten Tage“ ging mir so nah, dass das Bedürfnis weiterzulesen ebenso stark war wie der Wunsch, das Buch für eine Weile liegen zu lassen, um durchzuatmen und mich beruhigen zu können.

Wer nach dem letzten Satz einer Geschichte schnell das Buch zuschlägt oder die Danksagungen der Autoren nur überfliegt, sollte bei diesem Buch eine Ausnahme machen. Denn auf den letzten Seiten finden sich private und sehr bewegende Anmerkungen von Jennifer Niven, die „All die verdammt perfekten Tage“ für mich emotional abgerundet haben. Das Herzblut, das sie in all ihre verdammt perfekten Worte gesteckt hat, war von Anfang an zu spüren, bekommt durch ihre persönlichen Erklärungen aber noch eine viel kraftvollere Bedeutung.

Fazit:

Bedrückend, erfreulich, beklemmend, ermutigend, grausam und wunderschön – „All die verdammt perfekten Tage“ von Jennifer Niven ist all das und noch mehr, abwechselnd und zugleich. Zwischen den optisch herrlichen Buchdeckeln steckt eine eindringliche Geschichte, die zwischen Extremen wankt und ihre Leser auf intensive, brutale und ehrliche Weise beschäftigt, noch lange über die letzte Seite hinaus. Violet Markey und Theodore Finch sind ein Protagonistenpärchen, das den Glauben an die Schönheit des Lebens aus ganz unterschiedlichen Gründen verloren hat und nun gemeinsam neuen Mut, neue Kraft und neuen Lebenswillen fassen will. Sie auf diesem Weg zu begleiten, treibt Leser ebenso an persönliche Grenzen wie die Protagonisten selbst. Leichte, fluffige Lektüre erwartet einen in „All die verdammt perfekten Tage“ nicht, im Gegenteil: Es ist ein ergreifender, bewegender Roman, der mich lachen und weinen ließ, der mich zu Boden stieß und mir wieder auf die Beine half. Für mich ein Lesehighlight, das mehr als 5 Lurche verdient! Trotzdem kann ich „All die verdammt perfekten Tage“ nur mit einer deutlichen Warnung weiterempfehlen: Sensible Leser können sich hier sehr leicht getriggert fühlen, also lest das Buch bitte nur, wenn ihr euch ihm gewappnet fühlt!

Kommentare:

  1. Wow es hört sich so an als ob das Buch einen ganz schön fertig machen kann :D
    Anscheinend bringt es einen dazu viele verschiedene Emotionen zu empfinden, dies finde ich persönlich immer sehr toll.
    Das zeigt mir, dass ein Buch richtig gut ist.
    Ich habe es leider noch nicht gelesen, aber es freut mich, dass es dir gefallen hat und ich muss es mir jetzt endlich einmal genauer ansehen ;)

    LG Melie

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  2. Omg ... das klingt nach einem absoluten Emotionen-Zerstörer-Buch. Ich muss es lesen xD
    Allein dein letzter Hinweis-Satz, lässt es in mir kribbeln.
    Danke für diese wunderbare Buchvorstellung, ich hatte das Buch gar nicht auf dem Schirm!

    LG Heffa

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  3. Huhu :)

    Wunderschöne Rezension. Es ist wieder ein großes Stück weiter nach oben auf der Wunschliste gewandert. Danke.

    Liebe Grüße
    Yvonne

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