FIlmrezension: "Tschick"


Mit "Tschick" hat der 2013 verstorbene Autor Wolfgang Herrdorf einen der wichtigsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre geschrieben. Mehrfach ausgezeichnet wurde die Geschichte um die beiden Außenseiter Maik und Tschick millionenfach gelesen und verschlungen. Regisseur Fatih Akin hat sich dem Stoff angenommen und einen Film daraus gestrickt, der seit dem 8. März auf DVD und Blu-ray erhältlich ist. Ich verrate euch heute, wie mir der Film gefallen hat und ob ich mir vorstellen kann, nun auch zur Romanvorlage zu greifen.

BESETZUNG
Maik Klingenberg - Tristan Göbel // Andrej „Tschick“ Tschichatschow - Anand Batbileg // Isa - Mercedes Müller // Mutter Klingenberg - Anja Schneider // Vater Klingenberg - Uwe Bohm // Herr Wagenbach - Udo Samel // Mutter Risi-Pisi-Familie - Claudia Geisler-Bading // Jugendrichter - Alexander Scheer // Polizist - Marc Hosemann // Anwältin - Friederike Kempter

STAB
Regie, Koautor: Fatih Akin // Drehbuch: Lars Hubrich // Künstlerische Beratung, Koautor: Hark Bohm // Produzent: Marco Mehlitz (Lago Film) // Koproduzenten: Susa Kusche (Lago Film), Kalle Friz (STUDIOCANAL) // Redaktion: Cornelius Conrad & Cornelia Ackers (BR), Christine Strobl & Claudia Grässel (ARD Degeto), Cooky Ziesche (RBB), Christian Granderath (NDR) // Casting: Jacqueline Rietz, Ulrike Müller // Kamera: Rainer Klausmann // Schnitt: Andrew Bird // Musik: Vince Pope // Szenenbild: Jenny Roesler // Kostümbild: Anna Wübber // Maskenbild: Kitty Kratschke, Peter Bour

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Meine Meinung:

Eines vorweg: Ich war noch nie ein großer Fan deutscher Filme. Wenn es sich allerdings um Buchverfilmungen handelt, gebe ich ihnen gerne eine Chance – auch wenn ich meine Erwartungen entsprechend niedrig ansetze. Auch von „Tschick“, dessen gleichnamige Romanvorlage von Wolfgang Herrndorf zu einem der meistgelesenen deutschen Bücher gehört, habe ich nicht mehr als 93 Minuten typisch deutscher Filmkunst erwartet. Doch Regisseur Fatih Akin sollte mich eines Besseren belehren.

© STUDIOCANAL GmbH - Mit dem Lada auf der Kuhweide

„Tschick“ wird rückblickend erzählt und beginnt mit einer Szene, an die erst während der letzten Minuten des Films wieder angeschlossen wird. Maik steht blutüberströmt auf einer Straße und ruft nach Tschick, die Polizei treibt Schweine zusammen und die Nacht wird erhellt von den blinkenden Sirenen der vielen Polizeiautos. Als Zuschauer, der wie ich ohne Vorwissen an den Film herangeht, hat man sogleich ein großes Fragezeichen im Kopf. Was ist passiert?

Erst nach dieser Szenerie lernen wir den Protagonisten Maik kennen. Der vierzehnjährige Junge stammt aus wohlhabendem Hause, lebt jedoch mit einer alkoholabhängigen Mutter, die regelmäßig zum Ausnüchtern auf die „Beautyfarm“ fährt, und einem Vater zusammen, der mit in den Sommerferien lieber mit seiner Assistentin auf private „Geschäftsreise“ fährt als Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Seine Mitschüler sehen in ihm einen schrägen Psycho und Tatjana, in die er heimlich verliebt ist, würdigt ihn nie auch nur eines Blickes. Seine Freizeit verbringt Maik am liebsten vor dem Computer … bis das Schicksal Tschick auf den freien Platz neben Maik setzt und der sein Leben auf den Kopf stellen wird.

© STUDIOCANAL GmbH - Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg)

Andrej „Tschick“ Tschichatschow ist der zweite Held der Geschichte und mein persönliches Highlight. Der Spätaussiedler aus Russland ist ein Außenseiter und provoziert mit Aussehen und Auftreten, sobald er das erste Mal in Erscheinung tritt. Statt eines Rucksacks trägt er seine Schulsachen in Plastiktüten herum, seine Kleidung schreit geradezu nach dem klischeehaften Marzahn und durch seinen exzessiven Alkoholkonsum bricht er einem seiner Mitschüler sogar während des Unterrichts auf den Schoß. Trotzdem ist Tschick bei der nächsten Klausur Klassenbester. Was hat es mit ihm nur auf sich? Tschick wird zum Mysterium, das man ergründen möchte, und hat die Zuschauer schnell am Haken. Als er schließlich mit einem geklauten Auto vor Maiks Haus steht und ihn überredet, mit ihm in die Walachei zu fahren, überrascht es einen als Zuschauer tatsächlich nicht. Im Gegenteil: Mit einem Schmunzeln freut man sich auf den verrückten Roadtrip der beiden Außenseiter.

Maik tritt nicht nur als Protagonist, sondern auch als Erzähler der Geschichte auf. Immer wieder ertönt seine Stimme aus dem Off, um Schlüsselszenen durch einen Einblick in seine Gedanken und Gefühle mehr Nachdruck zu verleihen. Zu Maik entwickelt man als Zuschauer dadurch eine engere Bindung als zu Tschick, aber die Dynamik der beiden Ausreißer ist es, die den Film so besonders macht. Das schräge Duo wächst durch die gemeinsame Zeit eng zusammen, begeistert durch spritzig-freche Dialoge und wächst einem auch als Zuschauer ans Herz. Maik gewinnt aus der Freundschaft heraus auch viel für sich selbst.

© STUDIOCANAL GmbH - Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg) übernachten im Windpark

Die Schauspieler Tristan Göbel und Anand Batbileg, die Maik und Tschick verkörpern, spielen ihre Rollen trotz ihres jungen Alters authentisch und ehrlich. Sie konnten mich überzeugen, mich neugierig machen und meine Sympathie für sich gewinnen. Obwohl sich wirklich alles an ihrem skurrilen Roadtrip moralisch falsch anfühlte, habe ich sie gerne auf ihrem Abenteuer begleitet, mit ihnen mitgefiebert und mir sogar ein bisschen gewünscht, mich ebenfalls mit in den geklauten Lada setzen zu können, um den intensiven und aufregenden Sommer mit ihnen erleben zu können.

Obwohl ich insgesamt sehr begeistert von „Tschick“ bin, die Handlung und das Szenenbild als rund und gelungen empfunden habe, gab es ab und an einige Szenen, die den Film durch ihre Erzählweise für mich etwas zum Stolpern gebracht haben. Nichtsdestotrotz ist „Tschick“ für mich einer der besten deutschen Filme, die ich je gesehen habe. Moralisch absolut verwerflich, aber emotional bewegend und mitreißend, vermittelt der Film ein sommerliches Hochgefühl. Er macht Lust auf spontane und sinnlose Unternehmungen – allein des Lebens willen.

© STUDIOCANAL GmbH - Maik (Tristan Göbel), Isa (Mercedes Müller) und Tschick (Anand Batbileg)

Nach der letzten Szene lohnt es sich, nicht gleich abzuschalten und dem Abspann Aufmerksamkeit zu schenken. Dort wird in stilvoller Comicoptik die Geschichte um Maik und Tschick noch ein klein wenig weitererzählt, sodass auch die zuletzt offen gebliebenen Fragen ihre Antworten bekommen. Auch ein Blick in die Extras des Films lohnt sich. Dort findet man unter anderem eine Aufzeichnung einer Lesung von dem verstorbenen Autor Wolfgang Herrndorf, die ebenso sehenswert ist wie der Film selbst und Lust aufs Buch macht.

Trailer zum Film

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