Rezension: "Ein Meer aus Tinte und Gold"

Traci Chee // Sylke Hachmeister // Carlsen // 480 Seiten // gebunden // 17,99€ // 978-3-551-58352-9 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Seit ihre Eltern gestorben sind, ist Sefia mit ihrer Tante Nin auf der Flucht. Sie leben ein Leben von der Hand in den Mund, bleiben nie länger als nötig an einem Ort. Denn in Sefias Rucksack steckt ein merkwürdiger, rechteckiger Gegenstand, den bereits ihre Eltern mit aller Macht versteckt hielten. Als man sie erwischt und eine seltsame Gruppe Tante Nin gefangen nimmt, macht sich Sefia auf den Weg, sie zu retten. Auf ihrer Suche beschäftigt sie sich schließlich näher mit dem Gegenstand – einem Buch! – und stößt dabei auf eine unglaubliche Art der Magie …

Meine Meinung:

Was lieben Bücherwürmer noch mehr als gute Geschichten? Richtig: Gute Geschichten über Bücher! Mit „Ein Meer aus Tinte und Gold“, dem Auftakt der „Das Buch von Kelanna“-Reihe, hat Traci Chee ein Jugendbuch geschrieben, das die besten Voraussetzungen für ein Lese-Highlight mitgebracht hat: eine Welt, in der Lesen wie Zaubern ist, ein Plot, der von der Magie der Geschichten erzählt, und eine Protagonistin, die ein besonderes Buch mit ihrem Leben beschützt.

Die außergewöhnliche, wunderschöne Gestaltung des Buches sowie Traci Chees zauberhafter Schreibstil sorgen für eine magische Atmosphäre, die einen im Handumdrehen gefangen nimmt. Die ersten Kapitel fliegen geradezu davon und machen neugierig. Was hat es mit dem Buch auf sich, das Sefia und Nin um jeden Preis verstecken müssen? Was hat es mit der Magie der Bücher auf sich? Schnell gerät man in einen Lesefluss, der einen wild durch die Seiten treibt.

Ebenso schnell, wie der Lesefluss aufgekommen ist, trocknet er leider wieder aus und verwandelt sich in einen holprigen Pfad voller Fragen. Sobald Traci Chee beginnt, ihre Geschichte über verschiedene Perspektiven zu erzählen, verliert sich der rote Faden in einem dichten Gestrüpp aus unterschiedlichen Handlungssträngen. „Ein Meer aus Tinte und Gold“ wird mit jeder Seite komplexer, verworrener und liefert zu wenig Antworten, um den Durchblick zu bewahren. Der Roman wird anstrengend, stellenweise auch langatmig, und kann den hohen Erwartungen trotz guter Momente nicht gerecht werden.

Je undurchsichtiger die Geschichte wurde, desto schwieriger war es für mich, den Draht zu Sefia oder den anderen Charakteren aufrecht zu erhalten. Zwischen diesen Buchdeckeln stecken individuelle und unheimlich interessante Persönlichkeiten, die sich durch ihre Stärken und Schwächen, aber auch durch ihre Schicksalsschläge und Entscheidungen definieren und alles andere als oberflächlich bleiben. Leider leiden auch sie unter dem Tumult der Handlung, der sie niederdrückt und ihnen trotz überzeugender Sequenzen nicht genügend Spielraum bietet, sich vollends zu entfalten.

Auch wenn Traci Chees Welt auf den ersten Blick sehr märchenhaft wirken mag, hat das Inselreich Kelanna es faustdick hinter den Ohren. Könnten die Bewohner dieser Geschichte schreiben, sie täten es mit Blut statt mit Tinte. Chee fordert viele Opfer und scheut auch nicht vor den schaurigsten Handlungen zurück. Sogar die Guten müssen in Kelanna zu Mördern werden, um zu überleben. Das gibt „Ein Meer aus Tinte und Gold“ einen speziellen Reiz, der mir wiederum sehr gut gefallen hat.

Mit den letzten Kapiteln und einem entscheidenden Twist, der endlich etwas Licht ins Dunkel bringt, kann „Ein Meer aus Tinte und Gold“ schließlich doch noch überzeugende Pluspunkte sammeln, die richtig Lust auf die Fortsetzung machen. Mit dem neuen Wissen wirkt die gesamte Geschichte rückblickend wesentlich runder, durchdachter und spannender, als es sich beim Lesen tatsächlich angefühlt hat. Da der Auftakt jedoch sehr abrupt endet und viele Fragen offenlässt, überwiegt schlussendlich die Frustration leider die Faszination.

Fazit:

„Ein Meer aus Tinte und Gold“ von Traci Chee hat mich mit äußerst zwiespältigen Gefühlen zurückgelassen. Einerseits bringt die Geschichte alles mit, was ein fantastisches Abenteuer braucht, andererseits verstrickt sich die Handlung in einem derart wilden Tumult, dass man den roten Faden leicht aus den Augen verliert. Der Roman wurde nach einem starken, fesselnden Start undurchsichtig und verworren, stellenweise gar langatmig. Traci Chee hat das enorme Potenzial ihrer Geschichte in ein Labyrinth gesteckt, indem sie sich scheinbar selbst verlaufen hat. Für viele gute Ansätze, einen Twist, der mich wirklich unerwartet getroffen hat, einen guten Schreibstil und eine unfassbar aufwendige Gestaltung vergebe ich 3 Lurche – in der Hoffnung, dass die Fortsetzung mehr Antworten liefert!

1 Kommentar:

  1. Huhu!

    Das Buch steht hier schon ein Weilchen, weil es im Dezember in der Bookish Prophet Box enthalten war. Es lacht mich immer wieder aus dem Regal an, denn das Cover finde ich einfach traumhaft... Aber ich habe inzwischen schon mehrere kritische Stimmen zu dem Buch gehört (und bisher nur eine begeisterte), habe aber dennoch vor, es noch zu lesen. Wenn es mir gar nicht gefällt, kann ich es ja immer noch abbrechen und weiterreichen. :-)

    Aber ich fand deine Kritikpunkte sehr nachvollziehbar, eine sehr schön und umfassend geschriebene Rezension. Es klingt ja so, als hätte das Buch dich am Schluss doch noch ein bisschen versöhnen können!

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfaht durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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