Rezension: "Lily Frost. Fluch aus dem Jenseits"

Nova Weetman // Friederike Levin // Beltz & Gelberg // 235 Seiten // gebunden // 14,95€ // 978-3-407-74654-2 // Zum Fazit?

Worum geht's?

Als ihre Eltern der fünfzehnjährigen Lily eröffnen, dass sie umziehen werden, bricht für das Mädchen eine Welt zusammen. Sie wird von der Stadt aufs Land ziehen – in eine Ortschaft, die nicht einmal so viele Einwohner hat wie Lilys alte Schule Schüler. Das schlimmste für Lily ist jedoch, dass sie ihre beste Freundin Ruby zurücklassen muss. Sie war nie gut darin, neue Freunde zu finden, und wird sich in ihrem verschrobenen neuen Zuhause bestimmt furchtbar langweilen. Doch kaum hat Lily das Haus, das ihre Eltern gekauft haben, das erste Mal betreten, überkommt sie ein mulmiges Gefühl. Seltsame Dinge fallen ihr auf, und schon bald ist sich Lily sicher: Hier spukt’s! Lily will um jeden Preis herausfinden, was es mit dem gespenstischen Geheimnis auf sich hat. Doch je näher sie den Antworten kommt, desto stärker gerät Lily selbst in Gefahr. Denn der grausige Spuk und ihr eigenes Schicksal sind schon ewig miteinander verbunden …

Meine Meinung:

Ein verschlafenes Städtchen, ein schauriges Haus und ein geheimnisvoller Spuk: „Lily Frost: Fluch aus dem Jenseits“ bringt alles mit, was eine spannende und aufregende Geistergeschichte für junge Leser braucht. Man begleitet die fünfzehnjährige Protagonistin Lily, die unfreiwillig in die kleine und äußerst langweilige Stadt Gideon zieht und dort in ihrem neuen Zuhause äußerst gespenstische Dinge erlebt: Türen, die sich plötzlich nicht mehr öffnen lassen, ins Holz geritzte Buchstaben, die wie aus dem Nichts auftauchen, ein schweres Atmen an ihrem Ohr, während Lily zu schlafen versucht. Da gerät sogar Lily, die sich sonst so sehr für Geheimnisse begeistern kann, in Panik! Dank Nova Weetmans atmosphärischem Schreibstil liest sich die Gruselgeschichte mit genau dem Kribbeln, das man sich von einem Roman dieser Art wünscht. Schon nach wenigen Seiten nahm mich ein schaurig-schöner Lesefluss gefangen, der mich das Buch nicht beiseitelegen ließ, ehe ich gemeinsam mit Lily Frost das Geheimnis um den Spuk gelöst hatte.

„Lily Frost“ löst in einem von Seite zu Seite ein mulmigeres Gefühl aus und ist daher ganz sicher nicht als Gute-Nacht-Lektüre für zartbesaitete Leser gedacht. Denn auch wenn es sich um einen Jugendroman handelt, geht es zwischen den Buchdeckeln äußerst gruselig und schauerlich zu – da bekommen auch die älteren Leser sicherlich mal eine Gänsehaut! Allerdings hätte Nova Weetman noch viel mehr aus ihrer Geschichte herausgruseln können. Ihr Schreibstil beweist, dass sie mit Worten umgehen und ihre Leser bewegen kann. Leider versuchte die Autorin in ihr Büchlein, das gerade einmal 235 Seiten umfasst, viel zu viele Handlungsstränge gleichzeitig zu bedienen. Obwohl sich der rote Faden des Romans klar durch die Seiten zieht, verheddern sich die Facetten der Geschichte häufig und nehmen einander den Raum, den sie bräuchten, um sich völlig entfalten zu können.

Auch Lily brachte mich als Protagonistin leider in so manche emotionale Zwickmühle. So gut ich auch nachvollziehen konnte, wie sehr sie der Umzug belastet, fiel es mir oft schwer, ihre Gedankengänge zu verstehen. Lily steckt mitten in der Pubertät und das stellt die Autorin sehr authentisch dar, mitsamt allen zickigen, wehleidigen und egoistischen Zügen, die diese Phase mit sich zieht. Obwohl ich es prinzipiell gut finde, dass Nova Weetman ihre Protagonistin die alltäglichen Dramen der Pubertät erleben lässt, wollten Lilys Stimmungsschwankungen für mich nicht so recht in das Gesamtbild des Romans passen. Mal tapfer und voller Neugierde, was hinter den schaurigen Geheimnissen ihres neuen Zuhauses wohl stecken mag, im nächsten Moment aber zimperlich und mäkelig – das ständige Hin und Her hat Lily anstrengend werden lassen, obwohl man ihre mutige und liebenswürdige Seite eigentlich recht schnell ins Herz schließt.

Wer die Bücher von Beltz & Gelberg und Gulliver kennt, weiß, dass sie alle einen gewissen Anspruch an sich selbst besitzen. Sie erzählen nicht bloß eine Geschichte, sie möchten ihren Lesern auch etwas mit auf den Weg geben. Sie unterhalten, sind spannend und haben zusätzlich immer eine Moral, die einen über die letzte Seite hinaus zum Nachdenken bewegt. Auch in „Lily Frost“ werden wichtige Themen angeschnitten, die die Zielgruppe beschäftigen: Wie finde ich zu mir selbst, wenn mir alles, was mich bisher definiert hat, entrissen wird? Wie gehe ich mit meinen Eltern um, wenn sie plötzlich nur noch nerven und Dinge tun, die sich gegen einen selbst zu richten scheinen? Und wie geht man überhaupt damit um, wenn man merkt, dass die Eltern auch eigene Probleme haben? Nova Weetman spricht einige wichtige Fragestellungen und schwerwiegende Probleme an, die die gesamte Familie betreffen. Für meinen Geschmack wurden diese aber zu grob behandelt. Ich hätte mir mehr Tiefe gewünscht, denn durch den schwankenden Fokus der Geschichte und die geringe Seitenzahl blieb alles sehr oberflächlich.

Fazit:

„Lily Frost: Fluch aus dem Jenseits“ von Nova Weetman ist ein atmosphärischer Mystery-Thriller für Jugendliche, der mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen hat. Der Schreibstil der Autorin und ihre Art und Weise, die gruseligen Schauerelemente der Geschichte in Szene zu setzen, hat mich vollkommen überzeugt und eingenommen. Ich mochte Lilys Abenteuer niemals aus der Hand legen, da mich meine Neugierde nach jedem Kapitel auf der gierigen Suche nach Antworten zum Weiterlesen animierte. Als Protagonistin machte mir Lily jedoch so manches Mal zu schaffen und auch die vielen ernsten Themen, die Nova Weetman neben der gespenstischen Haupthandlung anschneidet, blieben mir zu oberflächlich. Mir fehlte es an Tiefe und teils auch an Glaubwürdigkeit. Als kurzweiliges Lesevergnügen bietet sich „Lily Frost“ hervorragend an, über die letzte Seite hinaus wird es wohl aber nicht lange im Gedächtnis bleiben. Für „Lily Frost: Fluch aus dem Jenseits“ vergebe ich solide 3 Lurche.

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